Asylanten des Krieges
Im Heimathafen Neukölln erfährt Homers »Ilias« brisante Aktualität
Die Turnhalle dient als Asylantenheim. Zusammengepfercht haust man zwischen Sprossenwand, Kasten, Pferd, Matten, Wäscheleinen. Am Tisch im Zentrum spielen zwei Frauen Karten, hinten kocht eine dritte, die vierte vorn lächelt stumpf vor sich hin. Als zwei Männer in militärischer Tarnkleidung eintreten, reden die Frauen bosnisch. Die Hülsen von Sonnenblumenkernen spuckt der eine, süffelt die von Zeus verordnete Biolimonade, mit Handkuss begrüßt der andere schmierig die Frauen. Ich will meine Tochter zurück, bettelt eine Frau, hau ab, ist die Antwort. Agamemnon, eine kleinwüchsige Frau ebenfalls in Armeekluft, hat jene Sklavin Achill entrissen. Der verweigert sich daraufhin zornig dem Kampf.
So beginnt im Heimathafen Neukölln die »Ilias«, wie Krzysztof Minkowski und Dirk Moras sie nach eigenem Konzept mit zwei Schauspielern und fünf Emigrantinnen aus Bosnien-Herzegowina inszeniert haben. Klagen auch auf griechischer Seite: Zermürbt sind die Recken, mit Pestflecken im Gesicht, vom Warten nun im neunten Jahr, ihre Schiffe schimmeln, heim wollen sie zu Weib und Kind. Nimmt Agamemnon auch mir mein Mädel weg, steige ich aus, sagt einer. Nestor indes beschwört zu bleiben. Diese Monologe in ihrer Sprachschönheit entstammen Homers grandiosem Epos.
Ihnen schließt sich nahtlos eine grölende Party zu Balkandisko an. Aus den troischen Frauen werden trunkene Göttinnen, die im Chorus über Götter und Menschen spotten; wieder jammern die Griechen um ihre Heimat und dass sie nicht miterleben, wie die Kinder aufwachsen. Troja vernichten, lautet Agamemnons Befehl.
Zu Rumba feiert ausschweifend dort die Königsfamilie. Man hasst Helena, erfährt man, weil bereits Tausende ihretwegen starben. Paris beruft sich auf Liebe als Grund für seinen Raub, Helena als Mann in Verkleidung sieht dümmlich weniger Spannungen in der Familie – während die ihr Getränke ins Gesicht gießt.
Spätestens hier greift ein Stückkonzept, das Parallelen zwischen dem Krieg um Troja und einem der unsinnigsten Kriege des 20. Jahrhunderts sieht: dem im früheren Jugoslawien. Helena lebt plötzlich ebenso als Fremde in einer Mischehe, wie es sie auf dem Balkan lange friedvoll unter Serben, Kroaten, Bosniern gab. Vertrauensbruch, schreit Helena, treibt Paris zur Rettung der Stadt in den Kampf. Menelaos besiegt den Schwächling, indem er ihm nur Wasser in die Hose gießt. Versager, tobt da Helena: Menelaos war wenigstens noch wer. »I love you«, röchelt Paris. Helena küsst verzeihend, die Bosnierinnen erinnern sich nahtlos an eine Klassenfahrt, 1978 nach Sarajevo, singen ein Lied auf die Metropole. Sie werden zu Göttinnen, streiten, welcher Partei Unterstützung gebührt. Aphrodite will Troja gerettet sehen, Athene ist für Zerstörung, Zeus entscheidet, Homers Worte beschreiben den Kampf. Blutig malen sich die Frauen an, weinen beim Abschied vor der Flucht, singen die Nationalhymne – Hand aufs Herz. Zeus im Bademantel hebt den Finger: Ich bin sehr unzufrieden! Womit, mag jeder für sich entscheiden.
Selbst wenn die Inszenierung modische Klischees feiert, etwa Reden ins Mikrofon, um das Wort zur amtlichen Verlautbarung zu erheben, verleiht sie doch dem antiken Mythos eine brisante Aktualität. Authentisch wird sie durch jene Amateuraktricen um die 50, die Krieg am eigenen Leib erfahren, nach Verlust des Ehemanns und abenteuerlicher Flucht in Berlin eine neue Bleibe gefunden haben. Die »Ilias« in dieser Lesart ist Anklage von Krieg schlechthin.
1.-3.4., 20.30 Uhr, Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Str. 141, Kartentelefon 56 82 13 33, www.heimathafen-neukoelln.de
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