nd-aktuell.de / 26.03.2016 / Kultur / Seite 10

Schluchzen ist Notwehr

Am Sonntag ist Welttheatertag. Die seltsamste Frage: Wer weint noch im Theater?

Hans-Dieter Schütt
Offenbar ist es schwieriger geworden, der Realität zu entkommen: Gerührtsein ist peinlich – das bringen wir von draußen mit. Das moderne Theater kann nicht aus seiner Haut: Es fürchtet, was unter die Haut geht.

Morgen ist Welttheatertag. Stellen wir die seltsamste Frage: Wer weint noch im Theater? Wer ins Kino geht, rechnet durchaus mit Tränen; ja, gerührt zu werden, das gehört nach wie vor zur Magie eines Mediums, über dessen Betriebsgeheimnis wir Zuschauer doch eigentlich vollends aufgeklärt sind. Immer raffinierter kombiniert der Film seine Techniken - Schauspiel auf der Leinwand schafft es jedoch stets aufs Neue, jene Distanz niederzureißen, die uns aufgrund unserer Einsichten in den Apparat unweigerlich von Hingabe und Verzauberung abhalten müsste. Aber Weinen im Theater? Ein Erinnerungsposten. Hermann Bang über Josef Kainz: »Er stand, er sprach, es flossen die Tränen im Saal.« Herbert Ihering über Horst Caspar: »Er schuf eine unglaubliche Stille und mit ihr das Schluchzen erweichter, ergriffener Zuschauer.«

Im Kino verlassen wir die Welt, im Theater begegnen wir ihr: Menschen - Spieler und Zuschauer - treffen unmittelbar aufeinander. Offenbar ist es schwieriger geworden, der Realität zu entkommen: Gerührtsein ist peinlich - das bringen wir von draußen mit. Das moderne Theater kann nicht aus seiner Haut: Es fürchtet, was unter die Haut geht. Wir sind Kinder eines rigiden Zeitalters, das öffentlich gezeigten Gefühlen misstraut und dem heißen Schwung des Träumerischen eine sezierende, ironisierende Kälte entgegenwirft. Wir lassen uns nicht mehr vom »Wärmestrom« (Ernst Bloch) hintergehen. Die reine Begeisterung, wo sie nicht längst schon tot ist, wirtschaftet weiter ab. Der gesellschaftliche Umgangston schrillt, und jeder baut an seinen Spiegelglasfestungen. Allüberall Entzauberung. Erfahrungsgespeiste Vorsicht. Wer tritt noch an ein parlamentarisches Pult und denkt bereitwillig die Klugheit seines politischen Gegners mit? Wer gesteht seine Schwäche?

Wieder aufs Theater zurückgeführt: Wer gibt sich ungebrochenen Herzens noch dem Wunderglauben großer leidenschaftlicher Existenzen aus klassischer Dichtkunst hin? Und das meint Schauspieler wie Zuschauer. Der metaphysische Rückenwind, der uns einst in die Zukunft trieb, gehört zu einem vergessenen Klima. Ich kann das dem Theater nicht vorwerfen, es hat für sein modernes Wesen große Meister hervorgebracht (Castorf, Thalheimer, Kušej).

Es ist ein Spiegel der Zeit, und unsere Zeit ist offenkundig keine eigenständige, kraftvoll ausschreitende Epoche. Vielleicht leben wir in armen Zeiten, weil wir zu Vergangenem ebenso wenig ein inniges Verhältnis aufbauen können wie zu Wünschen für Künftiges. Vielleicht leben wir aber auch in reichen Zeiten, sind Vorgewitter oder Dämmerung oder Zwischenlager des geschichtlichen Wandels - denn nie herrscht nur Zerfall, der Übergang ist das Lebendigste, auch dort, wo man meint, in der Schreckstarre einzig den Untergang auszumachen.

Gewiss, der spekulative Kern des Prinzips Hoffnung ist herausgeschält, und siehe: Er hat Fäulnisstellen. Das wäre zu beweinen, also verlachen wir’s. Aus Notwehr: Wir wollen ja lernen. Aber lernt fürs Leben etwa nur, wer sich beizeiten gegen zu viel Hoffnung wappnet? Das ist die offene Frage zum offenen Vorhang.