nd-aktuell.de / 24.08.2017 / Kultur / Seite 4

Kriminalisiert?

Kirill Serebrennikow wird Veruntreuung vorgeworfen

Irmtraud Gutschke

Dem Vorschlag der Staatsanwaltschaft, Kirill Serebrennikow aus der Untersuchungshaft in Hausarrest zu entlassen, ist laut »Ria Novosti« stattgegeben worden. Ein Lichtblick für den prominenten Theater- und Filmregisseur, dass er wieder in seine Moskauer Wohnung kann. Er hat ja viel ausländische Unterstützung bekommen, auch in Russland sorgte der Fall für Aufregung. Journalisten veröffentlichten Interviews mit dem 47-Jährigen über seine erste Nacht in Haft (»Wenigstens haben sie mich nicht geschlagen«). Eine Petition zu seinen Gunsten kam auf 12 500 Stimmen. Als das von ihm geleitete Gogol-Theater Ende Mai durchsucht worden war, hatten sich bereits Künstlerkollegen an Putin gewandt, er möge für eine gerechte Untersuchung sorgen.

Das ist die Kehrseite präsidialer Macht: Alles, was schief läuft, wird letztlich dem Präsenten zur Last gelegt. Unisono verkünden deutsche Medien, dass hier ein politisch Missliebiger kriminalisiert werden soll. Erfahrung aus Sowjetzeiten gibt ihnen Recht; unmöglich wäre es wohl auch heute nicht. Im Juli hatte das Bolschoi-Theater drei Tage vor der Uraufführung Serebrennikows Ballett »Nurejew« abgesetzt, in dem es auch um das Thema Homosexualität ging. Auch hat der mehrfach ausgezeichnete Moskauer Künstler mit diversen Aktionen zur Kritik russischer Verhältnisse von sich reden gemacht. Politisch unklug eigentlich, gerade ihn zu verhaften und internationale Empörung auf sich zu ziehen.

Aber einem Buchhalter würde man die Veruntreuung von 68 Mil-lionen Rubel auch nicht nachsehen. Oder hat der Theaterleiter die Fördergelder lediglich zur »Querfinanzierung« genutzt? Und anderswo finden Veruntreuungen in ganz anderen Größenordnungen statt. Serebrennikow beteuert seine Unschuld. Demonstrationen vor dem Gericht. Die Verteidigung beantragt Freilassung gegen eine Kaution von 68 Millionen Rubel. »Ermittler wollen Kremlkritiker die Flucht ins Ausland verwehren«, titelt dpa. Er sagt, dass er das gar nicht beabsichtigt. Im September will er in Stuttgart »Hänsel und Gretel« inszenieren. Auf seine provokante Art? Vielleicht klappt es ja noch.