nd-aktuell.de / 02.09.2017 / Kultur / Seite 9

Dialektisch denken

Das Internet, dialektisch geschulte Zeitgenossen wissen das, ist Fluch und Segen zugleich. Mit Hilfe des Internet lässt sich die Wahrheit verfälschen, beliebig manipulieren. Mit Hilfe des Internet lassen sich just jene Fälschungen und Manipulationen aber auch schnell aufklären. So geschehen in dieser Woche. Am Dienstag sorgte in den sozialen Netzwerken ein Bild für helle Aufregung. Zu sehen waren darauf zwei Plakate. Das erste zeigte Bundeskanzlerin Angela Merkel mit der Aufschrift: »Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben«. Darunter ein in Graustufen gehaltenes Motiv mit dem Slogan »Für ein Land, in dem wir gut und gerne leben«. Damit soll die SED für ihren 11. Parteitag 1981 geworben haben. In Tweets verbreitete sich rasch die Meldung, die CDU habe von der SED geklaut. Das war auch glaubwürdig, schließlich ist sowohl der Spruch von 2017 als auch die (vermeintliche) Aussage von 1981 in höchstem Maße politisch fundamental. Und beide Parteien - CDU wie SED - sind und waren den fundamentalen politischen Wahrheiten verpflichtet.

Das Gerücht war kaum im Netz, da wurde es auch schon widerlegt. Das Originalplakat zum 11. Parteitag der SED findet sich auf dem Webportal flickr.com. Dort hat es ein Nutzer hochgeladen. Zu lesen ist im Original: »Alle Kraft zur Stärkung unseres sozialistischen Vaterlandes, der Deutschen Demokratischen Republik«.

Es könnte jetzt natürlich sein, dass dieses Bild manipuliert ist und das vermeintlich gefälschte Plakat das echte Motiv darstellt. So ist das halt, wenn man sich in die Tiefen des dialektischen Denkens begibt, man wird schwindelig von soviel Widersprüchen und Wendungen. jam Foto: imago/Agentur 54 Grad