Forschergeist

Personalie

Babys begreifen etwa mit einem Jahr, dass das, was sie tun, Folgen hat. Führten die Gegenstände vorher ein scheinbares Eigenleben, stellen sie jetzt fest, dass sie es sind, die den Löffel auf den Boden haben fallen lassen. Weil sie aber nicht wissen, ob der Fall des Löffels ein einmaliges Ereignis war, nötigen sie die Erwachsenen, den Löffel wieder aufzuheben, damit sie diesen immer und immer wieder fallen lassen können. Was Eltern nervt, ist in Wahrheit ein naturwissenschaftliches Experiment, mit dem Einjährige die Schwerkraft bewiesen haben.

Wenn Babys älter werden, vergeht ihnen meist die Lust am zweckbefreiten Forschen. Jiwon Han aber hat sich das Staunen über die Welt und die Lust, deren Geheimnisse zu entschlüsseln, bewahrt. Der Physiker aus Südkorea hat herausgefunden, warum Menschen in Pappbecher gefüllten Kaffee verschütten, wenn sie vom Coffee-Shop ins Büro hetzen. Sie tun das, weil sie nicht die richtige Lauftechnik anwenden und den Becher falsch halten. Richtig wäre es, den Becher von oben festzuhalten, geradeaus zu schauen und rückwärts zu gehen.

Für diese Erkenntnis wurde Han vergangenen Freitag in Harvard mit dem Ig-Nobelpreis ausgezeichnet. »Ig« steht für »ignoble«, was auf Deutsch mit »unwürdig« übersetzt wird, aber mitnichten abwertend gemeint ist. Den Preis haben Wissenschaftler 1991 ins Leben gerufen, um seriöse, wenn auch kuriose Forschungsarbeiten und die Fantasie ihrer Kolleginnen und Kollegen zu ehren. Bedingung für die Nominierung ist, dass die wissenschaftliche Erkenntnis die Menschen zuerst zum Lachen, dann aber zum Nachdenken bringen muss.

Bei Jiwon Hans Forschungsarbeit ist diese Bedingung gegeben. Natürlich, so Han bei seiner Preisrede, ist es vollkommen unpraktisch, rückwärts mit einem Kaffeebecher durch die Gegend zu laufen; deshalb sei ja auch der Deckel erfunden worden. Wir aber denken nach und kommen zur Erkenntnis, dass wir ja nicht wissen können, welchen Vorteil diese Technik einmal haben kann - etwa auf Raumflügen oder bei der Besiedlung des Mars.

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