nd-aktuell.de / 29.11.2017 / Berlin / Seite 9

Notbestellung von U-Bahnen ist gefährdet

Nicolas Šustr

»Wenn einfach aus Daffke jemand wie Siemens sagt, ich rüge das jetzt, dann haben wir ein Problem«, erregt sich Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) über das Vorgehen des Elektrokonzerns. Hintergrund der Empörung der Senatorin ist eine von den ihr unterstellten Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) ausgelöste Bestellung von 80 U-Bahnwagen für rund 112 Millionen Euro. Ohne die sonst vorgeschriebene Ausschreibung orderte die BVG beim Hersteller Stadler Pankow Fahrzeuge des Typs Ik. Siemens hat nun in einem Brief das Vorgehen gerügt, was der erste Schritt eines Rechtsstreits wäre, der durchaus zwei Jahre dauern könnte.

Eigentlich sollten die 20 Vier-Wagen-Züge ab 2019 ausgeliefert werden und auf der U5 verkehren. Bereits jetzt fahren einige der eigentlich für das etwas schmalere Kleinprofil der Linien U1 bis U4 entwickelten Bahnen auf der Strecke nach Hönow, um den Fahrzeug-Engpass zu lindern. In den Jahren des Sparwahns wurden Ersatzbestellungen für den rapide alternden Fuhrpark unterlassen, was bereits jetzt für Fahrtausfälle sorgt. Nun droht eine recht kurzfristige Stilllegung einer ganzen Fahrzeugserie.

»Unser Betriebsleiter hält einen Einsatz über 2019 hinaus für nicht mehr sicher«, erklärt BVG-Sprecherin Petra Reetz auf nd-Anfrage. Grund seien sich immer weiter ausbreitende Risse in den Wagenkästen. »Es wurde zwar schon geschweißt, aber das ist wie wenn sie an einer zu engen Hose die Nähte erneuern: Der Stoff reißt dann an einer anderen Stelle«, sagt Reetz. Fast ein Zehntel des schon jetzt zu knappen Angebots droht wegzufallen. »Das wird in der Stadt zu spüren sein«, so die Sprecherin. Reetz widerspricht auch einem Bericht der »Berliner Zeitung«, dass die Schäden an den Altzügen der Baureihe F79 nicht so gravierend seien. Bei der BVG wundert man sich über den Schritt von Siemens, schließlich habe man dort im Vorfeld ebenfalls angefragt.

Parallel läuft eine Ausschreibung über mehrere Hundert U-Bahnwagen. Bis Herbst 2018 soll ein Anbieter für die milliardenschwere Bestellung gefunden sein. Die ersten Serienzüge könnten 2021 oder 2022 kommen.