nd-aktuell.de / 06.04.2018 / Aus dem Netz gefischt / Seite 15

Falsches und Gefaktes

Ein Jahr Faktenfinder der Tagesschau

Jürgen Amendt

Was sind Fakenews? Die Frage ist offenbar nicht einfach zu beantworten. Viele übersetzen den aus dem US-amerikanischen Englisch stammenden Begriff einfach mit »Falschnachricht«. Doch so einfach ist es nicht. »Fake« meint eigentlich »Fälschung«. Fakenews sind dementsprechend gefälschte Nachrichten, also Nachrichten, die in vollem Bewusstsein verfasst wurden, dass es sich um Lügen handelt. Eine solche gefälschte Nachricht kann aber auch verbreitet werden im Glauben daran, dass es sich um die Wahrheit handelt. Ist es dann noch eine Fakenews?

Mit solchen Fragen muss sich der Faktenfinder der »Tagesschau« beschäftigen. Und auch dem Faktenfinder fällt die Antwort sichtlich schwer. Am 3. April 2017 ging faktenfinder.tagesschau.de online. Schwerpunkt der Arbeit seien bis heute »Maßnahmen gegen Desinformation und Falschmeldungen«, schreibt der Leiter des Online-Portals, Patrick Gensing, anlässlich des Jahrestages. Man habe im vergangenen Jahr in einer Vielzahl von Fällen recherchiert und Berichte korrigiert bzw. richtiggestellt.

Falschmeldungen im Netz kursierten vor allem nach Anschlägen, aber auch in etablierten Medien fänden sich immer wieder irreführende Angaben, so zum Beispiel falsche Zahlen zu Schießereien an US-Schulen. Nach dem Amoklauf eines Jugendlichen an einer Schule im US-Bundesstaat Florida mit 17 Toten im Februar hatten hierzulande Medien vermeldet, es habe im noch jungen Jahr 2018 bereits 18 solcher Taten in US-Schulen gegeben. Das war nachgewiesenermaßen falsch, wie der Faktenfinder der »Tagesschau« recherchierte. Die Zahl basierte unter anderem auf den Angaben eines US-Senators; unter den 18 Fällen war jedoch eine Reihe von Vorfällen ohne Verletzte und auch Fälle, in denen Schüler lediglich mit Waffen in die Schule kamen; in einem Fall hatte sich ein Schuss sogar nur versehentlich gelöst.

Das Beispiel mit Angaben zur Anzahl von Schießereien an US-Schulen ist nur auf den ersten Blick belanglos. Die Medien, die diese Zahl verbreiteten, taten dies im Bewusstsein, die Wahrheit zu berichten. Wer aber hat die falsche Zahl mit welchem Interesse in die Welt gesetzt? Gab es überhaupt die Absicht, Falsches zu verbreiten? Letztere Frage verneint Gensing. Letztlich sei die Frage, ob ein Vorfall als »school shooting« gewertet werde, eine Frage der (interessengeleiteten!) Definition. Während Anti-Schusswaffen-Initiativen jeden Vorfall, bei dem eine Waffe in oder auf dem Gelände einer Schule oder eines Colleges abgefeuert wird, als Schulschießerei werte, definiere etwa die Encyklopaedia Britannica den Begriff »school shooting« als einen Vorfall, bei dem ein Schüler mindestens einen Mitschüler oder Schul-Mitarbeiter durch eine Schusswaffe verletze oder töte.

Gensing glaubt übrigens nicht, dass die Arbeit seines Online-Portals in absehbarer Zeit überflüssig wird. Je öfter falsche Behauptungen wiederholt würden, desto größer sei »die Gefahr, dass viele Menschen sie glauben. Nicht widersprechen kann also keine Lösung sein.«