nd-aktuell.de / 10.04.2018 / Politik / Seite 10

Ultimatum an Shell

Umweltschutzorganisation Friends of the Earth will Rohstoffkonzern zur Einhaltung von Klimazielen zwingen

Christian Selz, Kapstadt

Mosambiks Umweltschützer sind alarmiert: »Die Gasförderung und Infrastruktur in der Provinz Cabo Delgado wird Leben und Lebensgrundlagen zerstören, und es wird zum Klimawandel beitragen, der den Planeten zerstört.« Das erklärte Anabela Lemos, Direktorin der mosambikanischen Organisation Justiça Ambiental via Pressemitteilung. Gemeinsam mit der internationalen Dachorganisation Friends of the Earth (FOE) stemmt sie sich deshalb gegen die Gasförderung - nicht nur lokal, sondern auf globaler Ebene. In einem Schreiben forderte FOE das niederländische Unternehmen Royal Dutch Shell am vergangenen Mittwoch auf, die Förderung fossiler Brennstoffe zurückzufahren. Andernfalls will die Umweltschutzorganisation den Konzern verklagen, der führend in der Gasförderung in Mosambik ist.

Das Schreiben an Shell enthält klare Forderungen und ein Ultimatum: Binnen acht Wochen soll das Unternehmen sich bindend verpflichten, seine Strategie am Pariser Klima-Abkommen auszurichten und seine Kohlenstoffdioxidemissionen bis 2050 auf null zu senken. Andernfalls will FOE den Konzern wegen »gefährlicher Fahrlässigkeit« in Den Haag vor Gericht bringen. Den Vorwurf begründen die Umweltschützer damit, dass Shell »spätestens seit 1986« wisse, »dass die Förderung von Öl, Gas und Kohle Klimawandel verursacht«. Um dies zu belegen, berufen sie sich in ihrer Erklärung vom Mittwoch auf einen internen Shell-Report aus demselben Jahr. Darin hieß es demnach bereits vor über 30 Jahren: »Es ist möglich, dass die Umwelt in einem derartigen Ausmaß geschädigt wird, dass einige Teile der Erde unbewohnbar werden könnten.« Shell, so argumentiert FOE, weiß also ganz genau, was es tut - und wozu das führt.

Auch die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. So ist Shell für 1,8 Prozent des weltweit seit Beginn des Industriezeitalters menschengemacht ausgestoßenen Kohlendioxids verantwortlich und hat zudem 2002 selbst eingestanden, in jenem Jahr 3,6 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verursacht zu haben. Nach außen stellt sich das Unternehmen inzwischen zwar gern als dem Klimaschutz verpflichtet dar, doch die tatsächliche Strategie läuft auf das Gegenteil hinaus. Pläne zum Umbau des Konzerns in Richtung erneuerbare Energien gab es zwar 2007, zwei Jahre später wurden sie aber schon wieder weitgehend verworfen. »Shells derzeitige Linie ist auf Kollisionskurs mit dem Pariser Abkommen«, stellt der Anwalt Roger Cox daher fest. Cox vertritt die niederländische FOE-Mitgliedsorganisation Milieudefensie in dem Fall. Er glaubt, dass Shell eine rechtliche Verantwortung hat, sich nach den Klimazielen zu richten. »Es scheint, als würde Shell die Klimaschäden, die es anrichtet, als furchtbares, aber notwendiges Übel ansehen«, sagt der Jurist zwar, ergänzt aber nüchtern: »Das Gesetz steht dieser Sicht aber entgegen.« Weil Shell die Klimafolgen kenne, aber dennoch keine Präventivmaßnahmen ergreife, mache sich der Konzern strafbar, argumentiert Cox.

Der Anwalt hat den Konzern zusammen mit Milieudefensie/FOE bereits einmal vor Gericht gebracht. Damals reichte er in Den Haag eine Entschädigungsklage im Namen vier nigerianischer Bauern ein, deren Äcker im Niger-Delta durch Öl aus Shell-Operationen verschmutzt worden waren. Das Verfahren läuft bis heute, einige Teilerfolge sind für die Kläger aber bereits zu verzeichnen. Der jetzige Vorstoß geht noch wesentlich weiter, da erstmals bei einer solchen Klage keine Entschädigung, sondern eine Änderung der Unternehmensstrategie verlangt wird. FOE will also, um es einfach zu sagen, kein Geld, sondern die Rettung des Klimas. Dass Shell dieser Forderung einfach nachgibt, ist freilich nicht zu erwarten. Der Druck auf die Rohstoffkonzerne, die sich weltweit bereits mit etlichen Entschädigungsforderungen wegen ihrer klimaschädlichen Operationen konfrontiert sehen, dürfte aber weiter wachsen. Und die direkt von den Folgen bedrohten Menschen in Mosambik werden nun zumindest wahrgenommen.