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Neue Tafel in Seelow

Die Volkssolidarität will allen Bedürftigen helfen - auch den Migranten

Künftig werden im Eckhaus an der Breiten Straße 17 in Seelow dienstags und freitags Lebensmittel für einen geringen Obolus an Bedürftige abgegeben. Je nachdem, was im Angebot ist, werde die Volkssolidarität für eine kleine Tasche voll etwa zwei bis vier Euro nehmen, erläutert Petra Schneider, Geschäftsführerin des Verbandsbereichs Oderland. Mittwochs solle es hier eine Sozialberatung geben, und jeweils montags und donnerstags werde die Ausgabe der Lebensmittel am nächsten Tag vorbereitet, so dass die ganze Woche über Betrieb sein werde.

Geringverdiener und Langzeitarbeitslose dürfen sich etwas abholen, aber auch arme Rentner, alleinerziehende Mütter sowie ausdrücklich auch Migranten. Das betont die Volkssolidarität just an dem Tag, an dem sich die Tafel in Essen nach monatelanger hitziger Debatte am Mittwoch wieder für Ausländer öffnete.

Bereits vor zehn Jahren hatte der Demokratische Frauenbund in Seelow eine Tafel aufgemacht. Sabine Horn, Vizelandeschefin des Frauenbundes, war schon damals bei der Eröffnung mit dabei und ist es jetzt erneut. Horn freut sich, dass es in Seelow wieder eine Tafel gibt.

Die erste Einrichtung war nach einiger Zeit von der Arbeitsloseninitiative Frankfurt (Oder) übernommen worden. Die Initiative hatte hier in Seelow eine Zweigstelle ihrer eigenen Tafel eingerichtet. Doch im Juli 2017 schloss die Arbeitsloseninitiative ihre Seelower Ausgabestelle »Brotkorb«.

Begründet worden sei dies mit finanziellen Schwierigkeiten, berichtet Bürgermeister Jörg Schröder (parteilos). Der Kühlwagen sei inzwischen sehr alt gewesen, die von der Arbeitsagentur geförderten Stellen der Mitarbeiter seien ausgelaufen, und die Arbeitsloseninitiative habe auch moniert, die finanzielle Unterstützung durch die Ämter und Gemeinden rund um Seelow sei zu gering gewesen. Die Volkssolidarität bekomme nun aber auch nicht mehr Zuschuss, verrät Schröder. »Man kann sich darüber streiten, ob in Deutschland - ein so reiches Land - Tafeln notwendig sind«, sagt er. »Aber wir haben bedürftige Bürger, und es ist ein sozialer Treffpunkt.«

Deswegen sollte die Tafel nach der Schließung im Juli 2017 so schnell wie möglich wieder eröffnet werden. Bereits im September stellte die Volkssolidarität ihr Konzept vor. Sie beantragte beim Sozialministerium Fördermittel für ein Kühlfahrzeug und die Ausstattung - und erhielt die Mittel bewilligt. Außerdem gab es 1500 Euro Anschubfinanzierung von der Stadt Seelow.

Investiert hat auch die Wohnungsgenossenschaft. Sie ließ den Laden in der Breiten Straße 17 renovieren. Es gab dabei frische Farbe für die Wände und einen neuen Fußboden. Die Toiletten wurden saniert, die Elektrik wurde erneuert.

Vom Ergebnis ist Andreas Noack überzeugt. Er ist Vorsitzender des Verbandes der Tafeln in Berlin und Brandenburg. Er hat den Vergleich. Es sei für die Tafeln oft nicht einfach, geeignete und angemessene Räumlichkeiten für die Ausgabe der Lebensmittel zu finden. Hier in Seelow sei das aber gelungen. »Sehr schön«, schwärmt Noack. Die Landtagsabgeordnete Bettina Fortunato (LINKE) hätte sich das gern angesehen. Doch leider kann sie nicht kommen, weil sie mit einer Lungenentzündung das Bett hüten muss. Fortunato schickt aber eine Grußbotschaft, in der es heißt, dass die Tafeln leider notwendig sind, weil die vier Euro täglich, die im Hartz-IV-Satz für Essen und alkoholfreie Getränke einkalkuliert seien, für eine gesunde Ernährung nicht ausreichen. Die Landtagsabgeordnete verspricht, monatlich 50 Euro für die neue Seelower Tafel zu spenden.

Die Existenz der Tafeln zeige, dass es in Deutschland Menschen gibt, deren Einkommen zum Leben nicht ausreiche, sagt Ines Große, Vorstandsvorsitzende der brandenburgischen Volkssolidarität. »Das soziale Gleichgewicht in der Gesellschaft ist massiv gestört. Millionen Menschen sind davon betroffen.« Das Ausmaß der Armut sei bedrohlich. »Wenn das Geld knapp wird, sparen die Menschen an der Ernährung, zulasten ihrer Gesundheit«, beklagt Große. Die Tafeln seien da eine Möglichkeit, den Betroffenen unbürokratisch zu helfen.

Während diese Dinge erzählt werden, brummen hinter dem Tresen die Aggregate der beiden Kühlregale und der Gefriertruhe. Eine Strausberger Recyclingfirma hat Gerätschaften aus ihrem Lager abgegeben. Die Volkssolidarität solle sich nur immer heraussuchen, was sie gebrauchen könne, habe der sozial denkende Firmenchef gesagt, lobt Seelows Bürgermeister Schröder. Herausgenommen wird solche Technik, die zum Teil noch sehr gut funktioniert, aus Filialen von Lebensmittelkonzernen, die ihre Geschäfte umbauen oder abreißen lassen.

Die Volkssolidarität erhielt aber nicht nur finanzielle und praktische Hilfe, sondern auch gute Ratschläge. Ausdrücklich bedankt sich Verbandsbereichschefin Schneider bei der Bernauer Tafel, die Tipps gegeben habe, wie eine solche Einrichtung zu betreiben sei.

An diesem Freitag können sich bedürftige Menschen in der neuen Tafel erstmals Lebensmittel abholen. Die Körbe hinter dem Tresen sind gut gefüllt mit Blumenkohl und vielen anderen Dingen.

Ausgabe der Lebensmittel durch die Tafel dienstags und freitags von 12 bis 14 Uhr, Imbiss von 11 bis 14 Uhr, Breite Straße 17 in Seelow

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