nd-aktuell.de / 31.08.2018 / Wirtschaft und Umwelt / Seite 13

Schnellster Fahrradkurier gesucht

Community trifft sich zur Deutschen Meisterschaft

Martina Rathke, Greifswald

Fahrradkuriere sind aus deutschen Großstädten nicht mehr wegzudenken, die Szene wächst stetig. 1993 das erste Mal in Berlin - und inzwischen einmal im Jahr trifft sich die Community der Radkuriere zur Deutschen Meisterschaft, diesmal in Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern). Dabei radeln die Kuriere über Kopfsteinpflaster, treten in den Kategorien Normalrad und Lastenrad gegeneinander an und fahren in voller Montur mit Tasche und Helm verschiedene Stationen in einem bestimmten Stadtareal ab - und das möglichst effizient. Die Strecke soll den Kurieralltag simulieren.

Klar, es gehe um Schnelligkeit, sagt Kunststudentin Victoria Hilsberg, die schon in Berlin und Leipzig als Fahrradkurierin arbeitete. »Wer ein großes Kombinationsvermögen und Organisationstalent hat, ist aber klar im Vorteil«, sagt die 26-jährige Mitorganisatorin des Events. Weil sie zuvor in Greifswald studierte, die knapp 60 000 Einwohner zählende Universitätsstadt als fahrradbesessen erlebt hat, schlug sie die Hansestadt als Austragungsort vor - und das, obwohl es dort bislang keine einzige Radkurierfirma gibt. Fahrradkurierunternehmen als umweltfreundliche Transportalternativen zum Auto sind in Deutschland derzeit noch vor allem im Großstadtdschungel zu Hause, wo Radler oftmals schneller als Kurierautos sein können.

Die Überzeugung von nachhaltiger Mobilität, der Spaß und der Erfahrungsaustausch stünden bei der Meisterschaft aber im Vordergrund, sagt Hilsberg. Zwar treibe auch der Sport die meist junge Community zum Wettkampf. »Man will sich messen, aber völlig ohne negativen Ehrgeiz.« Fahrradkurier zu sein sei ein eigener Lebensstil. »Frühmorgens geht die Funke an. Während andere in der Bahn oder im Auto sitzen, ist man früh an der frischen Luft und kann sich die Arbeit selbstständig einteilen«, beschreibt die Studentin die schönen Seiten des Berufs.

Gleichwohl seien die Arbeitsbedingungen aber nicht selten auch prekär, sagt Hilsberg. Der Großteil der Kuriere arbeite selbstständig - mit allen Risiken, die damit verbunden seien. Gewerkschaftlich organisiert sind Fahrradkuriere nicht. Belastbare Zahlen, wie viele Fahrradkuriere in Deutschland arbeiten, gibt es auch bei der Berufsgenossenschaft Verkehr nicht. Die hatte jedoch 2016 die Versicherungsbeiträge für Fahrradkuriere erhöht. Begründet wurde das mit dem hohen Unfallrisiko, dem sie ausgesetzt seien.

Rund 100 Teilnehmer treten in der Hansestadt zum Turnier an, teilnehmen kann jeder. »Wer allerdings aufs Treppchen will, muss mindestens einmal in seinem Leben bei einer Fahrradkurierbude gearbeitet haben«, sagt Hilsberg. Weil in der lettischen Hauptstadt Riga erst vor wenigen Tagen die Weltmeisterschaft zu Ende ging, sind auch Teilnehmer aus anderen Ländern gleich nach Greifswald gekommen.

Auch für eine überschaubare Stadt wie Greifswald ist das Thema Kurierfahrten per Rad interessant geworden. In einem Forschungsprojekt, das parallel in Kommunen in Schweden und Polen läuft, untersuchen Wissenschaftler, ob Lastenräder auch in kleineren Städten eine Alternative zu Dienstautos sind. dpa/nd