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Fluch und Segen des Monsuns

Heftige Niederschläge und Wirbelstürme hinterlassen in Südasien eine Spur der Verwüstung

  • Von Hilmar König, Delhi
  • Lesedauer: 3 Min.
Während die internationalen Medien detailliert über die Vorgänge um die Rote Moschee in Islamabad berichten, spielt die jüngste Unwetterkatastrophe auf dem südasiatischen Subkontinent nur eine Nebenrolle. Mehr als 1000 Tote, hunderttausende Obdachlose und immense Schäden forderte bislang die Regenzeit.
»Bei allen Flüssen liegt der Pegel über der Gefahrenmarke.« So charakterisierte am Wochenende Mortaza Hossain, Minister für Katastrophenschutz im ostindischen Unionsstaat Westbengalen, die dramatische Lage nach fast einer Woche ununterbrochener Niederschläge. Zur gleichen Zeit verschaffte sich Chefminister Buddhadeb Bhattacharjee in dem vom Monsun besonders schwer heimgesuchten Distrikt West Medinipur einen Überblick. Dort sind 800 000 Menschen von bis zu zweieinhalb Meter hohen Überschwemmungen betroffen. Die westbengalische Regierung richtete 290 Notlager ein. Armee und Luftwaffe beteiligen sich mit Hubschraubern und Booten an den Rettungsaktionen. Allein von Dächern und aus Baumwipfeln wurden 1200 Menschen in Sicherheit gebracht. Bereits in der vergangenen Woche hatte Kolkata (ehemals Kalkutta) mehrere Tage lang »Land unter« gemeldet. Auch im Nachbarstaat Orissa sind weite Teile überschwemmt. Die gnadenlose Wucht des Monsuns bekamen bislang außer Westbengalen die Unionsstaaten Kerala, Andhra Pradesh, Karnataka, Maharashtra und dessen Metropole Mumbai, Gujarat, Madhya Pradesh, Assam und Rajasthan zu spüren. Im Südwesten Rajasthans weist der 118 Jahre alte Jaswant-Sagar-Damm seit Samstag Risse auf. In der Gefahrenzone liegen über 60 Dörfer. An 57 Staudämmen in Gujarat hat der Wasserspiegel die Gefahrenmarke erreicht, so dass die Behörden die höchste Alarmstufe ausriefen. Insgesamt wird die Zahl der diesjährigen »Monsuntoten« in Indien bis jetzt auf 655 beziffert. Die Menschen ertranken, wurden von einstürzenden Hausmauern erschlagen, erlitten tödliche Stromschläge durch gerissene Elektroleitungen oder starben an Schlangenbissen. Auch in Pakistan versucht die Bevölkerung, unterstützt von den Streitkräften, staatlichen Agenturen, nationalen und internationalen Hilfsorganisationen, mit den Folgen von Wirbelstürmen und Überschwemmungen besonders in den beiden Provinzen Belutschistan und Sindh fertig zu werden. Doch nach Expertenmeinung wird es Monate dauern, bis die Verwüstungen halbwegs beseitigt sind. Jan Mohammed Yusuf, Chefminister Belutschistans, verglich das Ausmaß der Schäden mit denen des Erdbebens vom Oktober 2005 in der Kaschmirregion. Besonders hoch seien die Verluste an Vieh, der Existenzgrundlage für die Bevölkerung auf dem Lande, und an Gebäuden. In einigen Gebieten gibt es Ernteausfälle von 90 Prozent. Die Infrastruktur wurde stark beschädigt. Der Chefminister bezifferte die materiellen Schäden auf mehr als 1,5 Milliarden Dollar. Yusuf nannte die Zahl von 150 Toten, erwähnte hunderte Vermisste sowie mindestens 150 000 Obdachlose. Sindh meldete 110 Tote. Dort wurden zwischen 300 000 und 400 000 Behausungen beschädigt oder zerstört. Mindestens 60 000 Menschen sind ohne Obdach. Das Rote Kreuz betonte in einem Hilfsappell, fast zehn Millionen Dollar seien erforderlich, um rund 100 000 notleidende Pakistaner und 133 000 Bewohner Bang-ladeschs, das ebenfalls unter dem heftigen Monsun leidet, mit Nahrung, Kleidung und Medikamenten zu versorgen, ihnen Obdach zu verschaffen und sie medizinisch zu betreuen. In Bangladesch liegt die Zahl der Toten bei knapp 200. Die Menschen auf dem südasiatischen Subkontinent sprechen vom »Fluch und Segen« des Monsuns. Die Regenzeit wird von weit über einer Milliarde Menschen auf diesem Teil des Globus nach dem glutheißen Sommer mit bis zu 50 Grad Celsius und periodischen Stromausfällen alljährlich sehnlichst erwartet. Die überhitzte Landmasse kühlt sich dann nicht nur ab, sondern der ausgedörrte Boden erhält auch das für die Saat erforderliche Nass. Der größte Teil der Landwirtschaft ist von den Monsun-Niederschlägen abhängig. Sind diese zu gering oder bleiben gar aus, hat das katastrophale Auswirkungen auf die Agrarproduktion und verursacht ernste Versorgungsprobleme mit Nahrungsmitteln. Aber wie sich in diesen Tagen zeigt, hat der Monsun auch eine andere Seite: Überschwemmungen, Tod und Verwüstung.

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