nd-aktuell.de / 08.04.2020 / Politik / Seite 2

Zwischen Ramadan, Pessach und Ostern

Das Coronavirus verhindert dieses Jahr die traditionellen Feierlichkeiten der Muslime, Juden und Christen im Mittleren Osten

Karin Leukefeld

Im Mittleren Osten bereiten sich in diesen Tagen Muslime, Christen und Juden auf hohe religiöse Feiertage vor. In diesem Jahr liegen das jüdische Pessach-Fest, das christliche Osterfest und der Fastenmonat Ramadan im April nah beieinander. Doch die traditionell in den Familien gefeierten Feste werden in diesem Jahr von der Covid-19-Pandemie überschattet. Sie zwingt die Gläubigen, zu Hause und auf Abstand zu bleiben. Die Gotteshäuser bleiben geschlossen.

So auch die Kirchen in Syrien, berichtet Joseph B. aus Damaskus, der die Autorin seit Jahren in Syrien begleitet. Traditionell werden in der Altstadt von Damaskus zwischen dem Bab Touma-Tor und dem Osttor Bab Sharki in der Nacht zu Karfreitag sieben Kirchen besucht. »Es gibt eine Ausgangssperre von sechs Uhr abends bis sechs Uhr morgens«, berichtet Joseph, der am Bab Touma wohnt. »Alle Fahrten zwischen den Provinzen in Syrien sind untersagt. Die einzigen, die sich frei bewegen können sind Leute, die im Gesundheitswesen arbeiten oder Fahrer, die lebenswichtige Güter transportieren«, so Joseph B. weiter.

Auch in Israel hat die Epidemie zu strengen Ausgangssperren geführt, Gotteshäuser, einschließlich der für Muslime wichtigen Al-Aqsa Moschee in Jerusalem, sind geschlossen. Dem israelischen Staat und Militär machen die rund 1,1 Millionen orthodoxen Juden zu schaffen, die etwa zwölf Prozent der Bevölkerung ausmachen. Sie leben in Dörfern in den besetzten palästinensischen Gebieten oder innerhalb von Israel in Wohnvierteln in großen Familien eng zusammen.

Manche ultraorthodoxe Familien haben bis zu 15 Kinder, sie lehnen Fernsehen und Internet ab und schotten sich von der staatlich gelenkten, säkularen Welt ab. Lautsprecheransagen, die in Hebräisch und dem traditionellen Jiddish die Menschen auffordern, zu Hause zu bleiben, werden ignoriert.

Nach Angaben des israelischen Gesundheitsministeriums traten die meisten Infektionsfälle mit dem Coronavirus in den Orten und Vierteln auf, die von den ultraorthodoxen Juden bewohnt werden. Während sich die Infektionszahl in Israel allgemein alle sechs Tage verdoppele, geschehe das in den Wohnorten der Ultraorthodoxen alle drei Tage, heißt es in einem Bericht. Die Regierung Israels verhängte am Dienstag eine landesweite Ausgangssperre bis zum Pessachfest am Freitag.

Nur am Mittwochmorgen dürfen die Bürger für einen kurzen Zeitraum ihre Einkäufe erledigen. Acht Städte und 15 Viertel in Jerusalem, die zumeist von Ultraorthodoxen bewohnt sind, wurden abgeriegelt. Die Regierung bezeichnete sie als »Coronavirus-Zentren«.

Die Muslime bereiten sich derzeit auf den Fastenmonat Ramadan vor, der wie nie zuvor von der Covid-19-Epidemie geprägt sein wird. Moscheen sind geschlossen, das jährliche Geschäft während des Fastenmonats Ramadan ist eingebrochen. Saudi-Arabien rief die Gläubigen weltweit dazu auf, keine Pilgerfahrten nach Mekka zu planen, bis die Epidemie vorbei sei. Der Fastenmonat Ramadan ist ein besinnliches und gleichzeitig stark von sozialen Kontakten geprägtes Fest. Die Menschen bleiben in den Familien, für die Armen wird gekocht und in der Öffentlichkeit nach dem Fastenbrechen das Essen verteilt.

Nichts davon ist in diesem Jahr erlaubt, doch die Anordnung der »sozialen Distanz« ist in arabischen Ländern unmöglich einzuhalten: Der Mittlere Osten ist seit mehr als 70 Jahren mit Flucht und Vertreibung großer Bevölkerungsgruppen konfrontiert. Die UNO gibt die Zahl von Flüchtlingen und Inlandsvertriebenen in der Region mit mehr als 55 Millionen Menschen an. Die UN-Kommission für Wirtschaft und Soziales in Westasien warnt davor, dass die Covid-19-Pandemie für weitere 8,3 Millionen Menschen in der arabischen Welt Armut und Hunger bedeuten könnten. Damit stiege die Zahl der Bedürftigen auf bis zu 101,4 Millionen Menschen. Mehr als 50 Millionen gelten schon heute als unterernährt.