nd-aktuell.de / 03.12.2020 / Kultur / Seite 13

Ein Haus spuckt aus

»Das unheimliche Haus des Herrn Pasternak« ist ein Kinderbuch über die Abenteuer des Nichtaufräumens

Silvia Ottow

Anabel Caruso ist ein kleines, dürres Mädchen von neun Jahren. Sie will Piratin werden; mit Delfinen um die Wette schwimmen, mit Affen auf Palmen klettern und im dichtesten Dschungel nach verschollenen Schätzen suchen. Eine Augenklappe besitzt sie schon.

Doch das Abenteuer wartet in diesem Buch von Rosemarie Eichinger direkt vor der Haustür der künftigen Piratin. Eines Morgens verschwindet der geliebte Kater Oskar mit dem roten Tigerfell im Kellerfenster des geheimnisvollen Hauses am Waldrand. Noch im Schlafanzug rennt Anabel hinterher. Das Gebäude gilt als seltsam, sein Besitzer als schrullig. »Es war das unheimlichste und düsterste Haus der ganzen Straße, mit dem bestimmt unheimlichsten und düstersten Bewohner der ganzen Straße. Da waren die Leute sicher«, heißt es. Über die Jahrzehnte war der Ruf des Hauses immer schrecklicher geworden. Man fragte sich in der Umgebung gar, ob der alte Phileas Pasternak womöglich sogar ein Serienmörder war, der alle verschwinden ließ, die an seine Tür klopften? Vielleicht war der Mann ja bis zum Kragen mit bösem Zauber angefüllt oder er betrieb ein Labor zum Giftbrauen? Oder er wollte den Kater essen. Oderoderoderoder....Und nun flitzte der gute, kleine Oskar direkt in das Imperium dieses Scheusals. Also rennt Anabel hinterher, ihren kleinen Bruder Jonas im Schlepptau, den sie auf die Schnelle nicht abschütteln konnte, ohne dass dessen bestialisches Geschrei die Eltern aufgeweckt hätte. Ein geradezu piratisches Abenteuer beginnt.

Im Haus lagern die Hinterlassenschaften hunderter Jahre; Kartons, Zeitschriften, Gießkannen, Bücher, Lampen, Krimskrams, Töpfe, Geweihe, Kleider. Anabel gräbt sich durch Türme von Gegenständen, in denen sie sich bald verirrt. Kein Wunder. Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr »stapelte, schichtete, türmte und schachtelte« Phileas Pasternak seine Sachen und die seiner Vorfahren, verlor dabei allerdings jeden Kontakt zum »neuen Leben«, welches sich um ihn herum in Form neuer Häuser und der Menschen darin drängte.

Am Ende konnte man nicht mehr so recht sagen, ob er dieses Haus besaß, oder ob es nicht etwa umgekehrt war: Das Haus besaß seinen Bewohner, bis Phileas Pasternak eines Tages nicht mehr allein heraus findet. Man ahnt an dieser Stelle schon, hier wird die vielfach in Geschichten und Märchen bediente Legende vom schrulligen Einzelgänger neu aufgelegt, einer Figur, der man die absonderlichsten und gemeinsten Taten zutraut, nur weil man aus Angst einen großen Bogen um ihn macht und ihn daher nicht kennt.

So viel sei verraten: Anabel, Oskar und Jonas erlösen Phileas und sein wunderliches Haus, in dem sich sogar ein kleiner Wald, ein Feld mit Marzipankartoffeln, ein Keksbaum und viele andere unglaubliche Dinge befinden, von seinem Fluch. Es öffnet sich und spuckt Menschen und Sachen gleichermaßen in die Welt.

Rosemarie Eichinger spickt ihre Story mit lustigen kleinen Lebensweisheiten wie zum Beispiel der, dass Kinder und Ordnung einfach nicht zusammen passen oder dass kleine Brüder eine regelrechte Plage sein können. Sie sammelte Erfahrung, Erfolg und Preise im schwierigen Genre des Kinder- und Jugendromans. Wie aus einem Guss passen dazu die Illustrationen von Thomas Kriebaum, auch ein Wiener Künstler, ebenfalls ausgezeichnet in seinem Fach Karikatur und Comic. Seine Wimmelbilder aus dem Pasternakschen Gruselhaus kann und sollte man lange anschauen, um alle verrückten Details mitzubekommen.

Rosemarie Eichinger, Thomas Kriebaum: Das unheimliche Haus des Herrn Pasternak. Luftschacht Verlag. 144 S., br., 16 €