Marx, der Mops

Mercedes Spannagels Debütroman »Das Palais muss brennen«

  • Von Norma Schneider
  • Lesedauer: 4 Min.

Es sind keine einfachen Zeiten für Satire und Überspitzung. Wie soll man den Wahnsinn der Verhältnisse bloßstellen, wenn jede künstlerische Übertreibung von der Realität überholt wird? Die Ibiza-Affäre, die 2019 die rechtskonservative Regierung in Österreich zerbrechen ließ, hätten sich Satiriker*innen nicht besser ausdenken können.

In Mercedes Spannagels Debütroman »Das Palais muss brennen« geht es um genau solche rechten Politiker*innen, die zu Korruption und Realsatire neigen. Luise, die Tochter der fiktiven rechtsgerichteten Bundespräsidentin Österreichs, erzählt mit viel Ironie von Jagdgesellschaften, Burschenschaftlern und dem Wiener Opernball. Für die Politik ihrer Mutter hat Luise nichts übrig. Die Studentin ist Feministin und »gegen Nazis«, wie sie gerne betont. Das dekadente Leben im Palais mit seinen vielen schicken Zimmern, dem gutem Essen und dem Swimmingpool genießt sie trotzdem sehr.

Unterhaltsam und mit einem witzigen, eigenwilligen Ton schildert Spannagel das relativ faule Leben von Twentysomethings mit reichen Eltern. Partys, Kaffeehausbesuche, manchmal Uni, ab und an ein bisschen Kultur, meistens bekifft im Bett rumliegen. Und das alles natürlich mit Stil und der richtigen Einstellung: »Ich trug ein blau-weiß gestreiftes Hemdkleid von Polo Ralph Lauren. Ich sagte, dass Schlafen ein Protest gegen den Kapitalismus sei.« Rumhängen steht im Zentrum der Rebellion von Luise und ihren Freund*innen gegen ihre konservativen Eltern. Ab und an macht Luise außerdem einen spitzen Kommentar, wenn die Mutter mal wieder ein Gesetz gegen Abtreibung auf den Weg bringt oder sie mit einem adeligen Burschenschaftler verkuppeln will.

Mit dem Einzug ins Palais hat die Bundespräsidentin gleich mehrere Windhunde angeschafft - und einen Windhundtrainer. Luise entschließt sich, auch einen Hund zu kaufen - und zwar das Gegenteil von einem Windhund: einen Mops. »Ich habe ihn Marx getauft«, erzählt sie einem Freund, »weil Frau Bundespräsidentin den Kommunismus hasst.« Mops Marx ist fortan für Skandale zuständig: Er jagt den Schwangerschaftstest von Luises Schwester als Spielzeug zusammen mit den Windhunden für alle sichtbar durch die weitläufigen Räumlichkeiten. Später verschluckt er die Speicherkarte mit einem heimlich im Palais gedrehten Porno.

Als der Opernball, bei dem sich die »Elite des Landes« in Schale wirft, näher rückt, planen Luises Freund*innen eine Kunstaktion. Mit einer satirischen Videocollage, die während des Balls abgespielt werden soll, wollen sie gegen die Politik der Bundespräsidentin protestieren. Doch bevor sie ihre Pläne umsetzen können, holt die Realität die Kunst ein. Ähnlich wie bei der Ibiza-Affäre werden korrupte Absprachen der Regierung offengelegt und es kommt zum Skandal. »Wir hatten nicht die besten Plätze, als wir dem Sturz der Regierung beiwohnten, aber wir waren mittendrin und hatten noch Sekt«, kommentiert Luise.

»Das Palais muss brennen« ist schöne, sehr gegenwärtige Popliteratur, die sich nicht nur über rechte Politiker*innen mit ihren Jagdtrophäen an der Wand lustig macht, sondern auch über deren Kinder, die zwar ein diffuses antifaschistisches Grundgefühl hegen, aber genüsslich die eigene Dekadenz zelebrieren. Der Klappentext verkauft den Roman als »Erzählung über den Widerstand in einer tief gespaltenen Gesellschaft«. Um Widerstand geht es zwar auch, aber meist eher um dessen Auflösung in Trägheit. Luises Aufbegehren gegen die rechte Regierung erschöpft sich letztlich darin, ab und an ihre Mutter zu ärgern. Die viel beschworene »tief gespaltene Gesellschaft« zeigt sich hier als bloßer Generationenkonflikt. Auf der einen Seite die konservativen Eltern, auf der anderen ihre Kinder, die ein freieres Leben mit mehr Drogen führen wollen. Nichts Neues also.

Politisch interessant ist der Roman trotzdem, denn er zeigt auch, wie sehr es an Antworten auf den Rechtsruck nicht nur in Österreich mangelt. Eine bloße Antihaltung oder ein lustiger Post bei Instagram bewirken eben noch keine Veränderungen. Die kleinen Rebellionen von Luise und ihrem Mops machen beim Lesen trotzdem viel Spaß: »Dann schnitt ich meinen Lieblingssatz aus dem Standard aus und klebte ihn auf den Spülkasten der Toilette: Als Individuen können wir die Welt nicht retten, nahm Marx und ging. Draußen blendete mich die Sonne und das war gut so.«

Mercedes Spannagel: Das Palais muss brennen. Kiepenheuer & Witsch, 192 S., geb., 18 €.

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