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Wenn Worte fehlen

Aus der Musiktherapie können auch Impulse für die Diagnostik kommen

  • Von Renate Wolf-Götz
  • Lesedauer: 6 Min.

Musik drückt aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist. Mit diesem Aphorismus hat der französische Schriftsteller und Philosoph Victor Hugo vor langer Zeit schon treffend beschrieben, wie essenziell Musik als Grundform menschlicher Äußerung ist.

Oft sind seelisch beeinträchtigte Menschen nur eingeschränkt in der Lage, ihre Gefühle und Konflikte mit Worten auszudrücken. Da setzt Axel-Helge Orlovius mit seinen musiktherapeutischen Behandlungsmethoden an. Im »Krachraum« des Münchner KBO-Heckscher-Klinikums steht dem Musiktherapeuten ein beachtliches Instrumentarium für seine Einzel- und Gruppentherapien zur Auswahl. Aus dem umfangreichen Repertoire können sich die 6- bis 18-jährigen Patientinnen und Patienten je nach Tagesform bedienen. Der achtjährige Jamie (Name geändert) setzt sich ans Elektroschlagzeug. Er ist ziemlich geladen, als er zur Therapiestunde kommt. Seine Entlassung aus der Klinik und damit auch aus der Musiktherapie steht bevor. Hinter seinem Ärger verbirgt sich auch Sorge und Traurigkeit. Zuerst muss aber der Ärger raus. Dafür ist das Elektroschlagzeug genau richtig. Der Musiktherapeut stimmt auf dem Klavier ein, und nach einer Weile ebbt das wilde Trommeln des Jungen ab. Die Wut ist abgeklungen. Jetzt kann Jamie auch seine Angst und seine Traurigkeit zum Ausdruck bringen.

Die jungen Patienten werden vor allem mit Angststörungen, Suchterkrankungen, Depressionen, Psychosen oder suizidalen Lebenskrisen per Notfallambulanz, von ihren Eltern oder auch allein im Rettungswagen in die Münchner »Heckscherklinik« eingeliefert, die als versorgungspflichtiges Krankenhaus die größte Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland ist. Die 15-jährige Paula (Name geändert) hat nach vier Monaten Klinikaufenthalt gerade eine therapeutische Wohngruppe besichtigt. Sie soll vorerst nicht bei ihrer Familie wohnen. Deshalb ist das Mädchen hin- und hergerissen. »Kann ich das meinen Eltern wirklich antun, dass ich nicht mehr heimgehe?«, fragt sie. In vielen Musiktherapiestunden hat sie erarbeitet, was der Berliner Rapper Sido in einer seiner Textzeilen so ausdrückt: »Du musst auf dein Herz hören«. Das Lied läuft auf Youtube mit. Dann greift Paula zur Gitarre und zupft die Saiten zur Melodie, gleichsam um sich noch einmal zu vergewissern, was sie selbst will.

In den Musiktherapiegruppen vergehen oft viele Stunden, bis sich im therapeutischen Dialog Fragen zu körperlicher oder seelischer Misshandlung offen ansprechen lassen. Dabei kann ein Musikvideo auf Youtube eine Brücke bilden. Wichtig ist, dass der Musiktherapeut äußerst achtsam und geistesgegenwärtig auf das eingeht, was die Töne und Bilder anklingen lassen, um dann mit musikalischen Improvisationen und Rollenspielen oder auch einer therapeutischen Körperwahrnehmungsübung das zu entwickeln, was letztendlich hilft und trägt. »Man könnte auch sagen«, so Orlovius, »ich höre Lieder, die ausdrücken, was ich nicht sagen kann.«

Im Team der Ärzte und Therapeuten verschiedener Fachrichtungen im KBO-Heckscher-Klinikum nehmen die Musiktherapeuten einen hohen Stellenwert ein. Häufig können diagnostische Hinweise aus der Musiktherapie Impulse für die weitere Behandlung geben. So geht es zum Beispiel darum, ob ein Patient eher sozial ängstlich oder vielleicht Autist ist oder ob hinter einer ADHS-Symptomatik eine unerkannte Depression schlummert. Den Musiktherapeuten bleibt aber oft zu wenig Zeit für eine behutsame Annäherung an Sorgen und Nöte, denn die nächsten Patienten warten schon auf einen Termin.

Für die Experten des Instituts für Musikpsychotherapie des Freien Musikzentrums in München ist der Bedarf an Therapieplätzen nicht neu. Auf ihrer 30. Fachtagung haben sie über den eklatanten Mangel in der psychotherapeutischen Versorgung von Menschen mit Intelligenzminderung berichtet und mehr stationäre und ambulante Angebote gefordert. »Aus Forschungsdaten wissen wir, dass diese Menschen deutlich häufiger an psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Psychosen leiden«, sagt die ausgebildete Musik- und Psychotherapeutin Frauke Schwaiblmair. Als Vorstandsmitglied der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft weiß die Ärztin, wie knapp das Angebot an qualifizierten Therapeuten ist.

In ihrer Praxis therapiert sie intelligenzgeminderte Patienten aller Altersstufen, häufig mit Ein- und Mehrfachbehinderungen. Es sei oft sehr anstrengend, eine Kostenübernahme der jeweiligen Krankenkasse zu erhalten. »Künstlerische Therapien wie Musiktherapie erkennen die Kassen nicht an«, klagt sie. Als Erklärung führen die Kostenträger nicht gesicherte und unzureichend dokumentierte Heilerfolge an. In Einrichtungen wie der Lebenshilfe oder des KBO-Heckscher-Klinikums erfolge die Abrechnung für künstlerische Therapien innerhalb der pauschalen Vergütung. Im ambulanten Bereich lasse sich solch eine Therapie allenfalls als heilpädagogische Maßnahme abrechnen.

Der Psychotherapeutin sind die Standards klassischer Therapien vertraut: »Da wird in der Regel vorausgesetzt, dass Menschen über ihr Befinden sprechen können. In ihrer Funktion als Inklusionsbeauftragte postuliert sie, dass es für Menschen mit schweren Behinderungen und psychischen Erkrankungen adäquate Behandlungsmöglichkeiten geben muss: «Hier bieten sich vor allem die nonverbalen Zugänge der künstlerischen Therapien an», betont sie. In der praktischen Umsetzung gebe es da noch viel zu tun, obwohl Inklusionsmaßnahmen längst gesetzlich beschlossen sind.

In der Fachstation für geistige Behinderung im KBO-Isar-Amper-Klinikum Haar bei München stehen kunsttherapeutische Methoden schon seit Längerem auf dem Behandlungsplan. «Musiktherapie ist im Methodenkanon der stationären Behandlung von Menschen mit Intelligenzminderung unverzichtbar», sagt Stationsoberärztin Corinna Bonaccurso. Bundesweit lasse die Versorgung für Menschen mit Behinderungen jedoch noch sehr zu wünschen übrig, betont Lutz Neugebauer. Gerade in Krisensituationen wie der Corona-Pandemie oder bei Kriegstraumata sieht der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft (DMtG) große Potenziale für künstlerische Therapien: «Die qualifizierten Musiktherapeuten und -therapeutinnen könnten helfen, die Lücken im bundesdeutschen Gesundheitssystem zu schließen», erklärt der Professor. «In der Gesundheitspolitik dürfen auch Menschen mit Intelligenzminderung und ohne Sprache nicht vergessen werden», mahnt er.

Als größter Fach- und Berufsverband für Musiktherapeuten in Deutschland hat sich die DMtG auch für den Einsatz musiktherapeutischer Behandlungen bei Demenz, nach Schlaganfällen oder in psychosozialen Therapien starkgemacht. Für die Seniorinnen und Senioren im Tagespflegebereich der Freisinger Arbeiterwohlfahrt (AWO) stehen Musiktherapiestunden ganz hoch im Kurs. Gerade sind fünf ältere Damen angekommen, die ein Kleinbus der Einrichtung zu ihrer Therapiestunde von zu Hause abgeholt hat. Musiktherapeutin Mechthild Hamberger stimmt die kleine Therapiegruppe mit einem alten Schlager ein. Zwei der Frauen haben den Refrain noch im Gedächtnis und singen ein bisschen mit.

Nach dem Singen regt die Therapeutin zur freien Tanzbewegung an. Dabei bekommt sie einen Eindruck von den individuellen Befindlichkeiten. Dann teilt sie Rhythmusinstrumente wie Trommeln, Stampfrohre oder Triangeln aus, mit denen die Teilnehmerinnen ihrer jeweiligen Stimmung Ausdruck verleihen können. Als Abschiedsritual der Musiktherapiestunde spielt Mechthild Hamberger eine ruhige Melodie auf dem Klavier oder lässt den Nachhall von Klangschalen wirken. Mit einem guten Gefühl steigen die Seniorinnen dann wieder in den Kleinbus, der sie nach Hause bringt.

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