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  • Politik
  • Sexismus in der linken Bewegung

Täter ausgeschlossen

Interventionistische Linke veröffentlicht Outing

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 5 Min.
"Sexismus geh Sterben" wünscht sich nicht nur diese Demonstrantin.
"Sexismus geh Sterben" wünscht sich nicht nur diese Demonstrantin.

Es ist ein mehr als ungewöhnlicher Schritt, den die Interventionistische Linke (IL) am Montagabend getan hat. Der Zusammenschluss von linksradikalen Gruppen aus dem ganzen Bundesgebiet hat öffentlich gemacht, dass ein Mann aus Köln aus der Organisation ausgeschlossen wurde. Der Mann soll nach einvernehmlichem Sex mit einer Frau »ausschweifende Beschreibungen der sexuellen Handlungen sowie Nacktbilder« in einem Chat geteilt haben. Der Chat, in dem er die Bilder teilte, soll aus mehreren Männern, vorwiegend aus der Kölner Fußballszene, bestanden haben. Die Mitglieder der Gruppe sollen neben pornografischem Material auch Empfehlungen ausgetauscht haben, welche Gesprächsthemen bei einzelnen Frauen gut ankommen.

Sie sollen sogar Listen von Frauen angefertigt haben. Die Inhalte der Chatgruppe sind laut der Stellungnahme der IL »zutiefst frauenverachtend«. Der mutmaßliche Täter und seine Freunde sollen sich wie sogenannte Pick-Up Artists verhalten haben. Das sind Männergruppen, die versuchen, mit psychologischen Tricks möglichst viele Frauen zu sexuellen Handlungen zu überreden. Die Interventionistische Linke betont in ihrer Stellungnahme die Parteilichkeit zugunsten der Frau, die vom Verhalten des Mannes betroffen ist. Außerdem ruft sie mögliche weitere Betroffene und Menschen, die Informationen zu dem Männernetzwerk haben, auf, sich bei ihr zu melden.

Das Outing des Beschuldigten, inklusive Nennung des Vornamens, brachte der langjährigen Aktivistin der Interventionistischen Linken, Emily Laquer, schon einigen Ärger ein. Sie hatte den Text am Montagabend auf Twitter veröffentlicht. Nach wenigen Stunden erhielt sie eine Aufforderung, ihre Tweets zu löschen. Weil sie dem nicht nachkam, folgte eine Abmahnung der Kölner Medienkanzlei Brost Claßen. Die beiden Anwälte Lucas Brost und Jörn Claßen waren vorher in der umstrittenen Kanzlei von Ralf Höcker tätig. Höcker hatte unter anderem den ehemaligen Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen in seine Kanzlei geholt und ist bekannt dafür, viele Rechte zu verteidigen. Pikant ist außerdem, dass Lucas Brost noch als Anwalt bei Höcker einen Frankfurter Pick-up Artist gegen die dortige Studierendenvertretung verteidigt hatte. In einer Asta-Zeitung war über einen Mann aus der Frankfurter Pick-up Szene berichtet worden. 

Emily Laquer sah sich am Donnerstag juristisch gezwungen, ihre Veröffentlichung zu dem mutmaßlichen Täter aus Köln zu löschen. Schon vorher war das Statement vom Anbieter einer Seite, auf der es die IL veröffentlicht hatte, nach einer Aufforderung der Anwälte gelöscht worden. »Das Schweigen muss gebrochen werden! Sexualisierte Gewalt bedeutet in patriarchalen Strukturen oft Angst, Scham, Zweifel. Deshalb solidarisieren wir uns mit allen Betroffenen und wollen sie darin bestärken, sich zu verbünden und gerne auch vertraulich mit uns zu sprechen«, sagte Alexa Fürth von der Interventionistischen Linken gegenüber dem »nd«.

Am Donnerstag wurde dann ein Blog mit dem Titel »Gegendarstellung – Über das falsche Outing der IL« veröffentlicht. Die Autoren sprechen sich darin für den Kölner aus. Sie bezeichnen das Verständnis von »Strafe, Recht, Opferschutz und Gerechtigkeit« in der linken Szene als unterirdisch. Das Outing und den Prozess bis hin zur Veröffentlichung kritisieren sie. Der mutmaßliche Täter habe sich nicht äußern dürfen, weil er seine Schuld nicht eingestanden habe. Nach nd-Informationen ist das nicht zutreffend. Demnach habe sich der Mann eine Stunde lang bei einem Treffen der IL äußern können. Die Anwälte des Mannes bestreiten diese Darstellung und erklären, ihr Mandant habe keine Möglichkeit gehabt, sich vor dem bundesweiten Plenum der Interventionistischen Linken zu äußern. Außerdem soll der Mann im Frühjahr schon bundesweit ein Statement verschickt haben, in dem er die Taten abstreitet.

Zentraler Punkt in der »Gegendarstellung« ist der Zweifel an der Existenz des Männerchats. Dafür gebe es nur eine anonyme Quelle, die nicht erreichbar sei und bei der man Zweifel haben müsse, ob sie überhaupt existiere. Man müsse vermuten, dass Personen gegen den Mann »aufgehetzt« werden sollten. Außerdem habe die Gruppe, die für das Outing verantwortlich ist, es abgelehnt, Beweise wie Chats und Bilder mit Mitteln der digitalen Forensik untersuchen zu lassen. Ohne dies sei nicht klar, ob es sich nicht um Fälschungen handele. Die Gruppe fragt, wie die IL bei diesen »Widersprüchen und Fragezeichen« von einem klaren Sachverhalt sprechen könne. Aus Kreisen der IL heißt es, dass man Material gesehen habe, das eindeutig belastend sei und dem Kölner zugeordnet werden kann. Ein Twitter-Account, mit dem die Gegendarstellungsgruppe ihr Statement verbreitet hatte, war am Freitag gelöscht worden.

Auch Rehzi Malzahn äußert Zweifel an dem Outing der IL. Die linke Autorin beschäftigt sich schon lange mit dem Konzept der »Restorative Justice«. Dieses stellt statt der Strafe Dialog und Versuche der Wiedergutmachung in den Vordergrund. Malzahn kritisiert, dass die IL mit dem Outing »hinter bürgerliches Recht zurückfällt«. Es werde keine »kollektive Lösung« gesucht, aus Fehlern könne nicht gelernt werden, weil diese »nicht mehr besprechbar sind, sondern nur unterdrückt wurden«. Es erwische immer nur einen Täter, während »alles andere unbehandelt bleibt«. Malzahn spricht sich für eine positive Fehlerkultur aus, in der »vor allem Cis-Männer lernen, über ihren Sex und ihre Ängste und ihre Unsicherheiten zu sprechen«. Täter sollten nicht dämonisiert, sondern ihre Taten verurteilt werden. Eine individuelle Skandalisierung sei nicht sinnvoll, sondern die Arbeit an gesellschaftlichen Verhältnissen und dem Begreifen der Allgegenwärtigkeit von Gewalt, die solche Taten ermöglichten. Den »Club der reinen Menschen« könne man mit solchen Methoden nicht erreichen, so Malzahn.

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