nd-aktuell.de / 17.08.2022 / Politik / Seite 1

Die Natur schlägt zurück

Niedrigwasser gefährdet den Warenverkehr – besonders von Kohle und Öl

Kurt Stenger
Am Rheinpegel von Oberwinter kann der Stand aktuell nicht abgelesen werden, da ein derartiges Niedrigwasser nicht vorgesehen war.
Am Rheinpegel von Oberwinter kann der Stand aktuell nicht abgelesen werden, da ein derartiges Niedrigwasser nicht vorgesehen war.

Waldbrände, Rekordtemperaturen, Dürre und jetzt auch extremes Niedrigwasser in deutschen Flüssen – die Folgen des Klimawandels sind in diesem Sommer besonders zu spüren. Ob Rhein, Elbe oder Donau, seit Tagen werden sinkende Pegelstände gemeldet. An vielen Messstellen gibt es Rekordtiefstände oder Werte kurz davor. Bei Emmerich am Niederrhein lautete am Mittwoch die aktuelle Zahl: null.

Dass Fließgewässer dynamischen Wasserstandschwankungen mit Überflutungen und Niedrigwasser unterliegen, ist normal. Nur werden die Ereignisse aufgrund des Klimawandels extremer und häufen sich. Hinzu kommt, dass Flüsse im hiesigen Wirtschaftssystem zu Wasserstraßen degradiert worden sind und so auch ihre Bedeutung im öffentlichen Diskurs verändert haben. Sie gehören zur kritischen Infrastruktur, da die Industrie vom Güterverkehr per Binnenschiff abhängig ist. Wegen der aktuell massiven Störungen warnt der Industrieverband BDI bereits, einzelne Unternehmen könnten die Produktion drosseln oder gar einstellen und auf Kurzarbeit zurückgreifen.

Auch der wirtschaftnahe Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) hat nun erkannt, »dass wir uns langfristig aufgrund des Klimawandels immer wieder auf extreme Niedrigwasser-Situationen einstellen müssen«. Wissing forderte am Mittwoch, die Fahrrinne von Binnenwasserstraßen wie dem Rhein müsse »dringend« vertieft werden. Allerdings kann das die Umwelt massiv stören und zur großflächigen Absenkung des Grundwasserspiegels führen. Nordrhein-Westfalens Umweltminister Volker Krischer (Grüne) sagte denn auch, eine tiefere Fahrrinne helfe nicht, wenn der Fluss kein Wasser mehr führe. Wichtig sei die Förderung von Schiffen mit geringerem Tiefgang, denn »wir müssen die Schiffe dem Rhein anpassen, nicht umgekehrt«.

Treppenwitz der Geschichte: Der Klimawandel ist zum größten Teil durch die Verbrennung fossiler Energieträger verursacht worden. Aufgrund des Niedrigwassers ist nun besonders der Transport von Mineralöl und von Kohle, die aufgrund der Energiepolitik der Regierung stärker nachgefragt wird, empfindlich gestört. Die Natur schlägt zurück, ist aber nicht nachtragend: Für die kommenden Tage sind Starkregenfälle im Westen gemeldet. Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Rhein erwartet aber lediglich leicht steigende Pegelstände.