nd-aktuell.de / 04.09.2022 / Kommentare / Seite 1

Zwang der Geschlechtlichkeit

Konsum und Hierarchien zwingen alle Menschen tagtäglich in normierte Geschlechterbilder. Trans Personen entziehen sich dem und werden dafür gehasst

Leo Fischer

Mittlerweile gibt es keinen mittelmäßigen Comedian, kein mittelmäßiges Regionalblatt, das nicht versuchte, sich mit Hohn auf Gender-Stern, Geschlechterdiversität und Pronomen Öffentlichkeit herbeizuschwindeln. Es gibt vielleicht eine zweitägige Anstandspause, wenn, wie in Münster, ein Mann nach einem transfeindlichen Angriff stirbt, danach geht das höhnische Treiben munter weiter – denn dass das eine mit dem anderen nichts zu tun habe, ist der Satz, an den sie sich klammern. Erwiesenermaßen ist er falsch: Wissenschaftlich steht fest, dass ein Klima, in welchem Queerfeindlichkeit gedeiht, die Wahrscheinlichkeit von Gewalttaten erhöht. Stochastischer Terrorismus wird das genannt: Die Schreibtisch- und Desktoptäter*innen tunneln die potentiellen Gewalttäter in immer stärker abgeschottete Radikalisierungsschleifen, bis einer von ihnen irgendwann seinem Hass Taten folgen lässt – von denen sich die Schreibtischleute dann wieder fein distanzieren können.

»Haben wir keine anderen Probleme?« Das ist der Standardspott derjenigen, die sich genüsslich über jedes Gender-Sternchen, jedes *innen amüsieren. Dabei scheint es, dass es tatsächlich sie sind, die keine anderen Probleme haben, geradezu zwanghaft müssen sie den immergleichen Gender-Witz unter jede Nachricht pinnen, gleich, um was geht. Tatsächlich sind sie es, die von Geschlecht besessen sind; sie sind es, die bestimmte Pronomen, Kleidungsstile, Verhaltensweisen erzwingen wollen; ihren eigenen geschlechtlichen Normierungseifer projizieren sie auf diejenigen, die dem ihren entgehen wollen.

Dabei sind alle ständig gezwungen, ihr Geschlecht anzupassen. Die einen wollen männlicher wirken, als sie es zu tun glauben, stopfen sich mit Eiweißpulver voll und lernen auf Youtube, wie sie zu Alpha-Männchen werden. Die Sprecherinnen-Stimmen im Radio werden immer heller, das Einlasern von Makeup-Pigmenten ist in manchen Branchen längst Standard. In Filmen müssen männliche Darsteller mittlerweile anderthalb Tage dursten, damit die Muskulatur auf jene unrealistische Weise hervortritt, die uns als Ideal verkauft wird. Statistische Erhebungen zeigen, dass Spielzeug so stark gegendert ist wie noch nie: Jungsblau und Mädchenrosa dominieren den Markt heute in einer Weise, die selbst die reaktionärsten Adenauerjahre übertrifft. Wir alle werden in Geschlechtlichkeiten gezwungen, die nicht die unseren sind, wir unterwerfen uns jeden Tag Geschlechtsangleichungen, gelenkt von Konsum und unsichtbaren Hierarchien.

Was für ein Stress! Gut, dass man ihn weitergeben kann, an diejenigen, die nicht mitmachen wollen. Nach meiner Beobachtung wird an queeren und trans Personen gerade das gehasst: die selbständige Wahl des geschlechtlichen Ausdrucks, das Ausbrechen aus der scheinbar natürlichen Ordnung. Allein ihre Existenz entwertet die Mühen, die man auf die Herstellung der eigenen Normalität verwendet hat. Seit vierzig Jahren versuche ich, wie ein völlig konventioneller Mann auszusehen, und nun erfahre ich, ich müsste das gar nicht?! Mit den Hierarchien, die die Geschlechterordnung versprach, sehen sie auch ihre eigenen Aktien stürzen; das Investment in die eigene Konventionalität darf nicht umsonst sein. Sehr beredt die Phantasien aus den Kommentarspalten: Na, dann setze ich mir eine Perücke auf und geh’ auf Frauenquote! Sie sprechen es selbst aus: ihr Geschlechtsausdruck ist ihnen auch nur ein Ticket, auf das sie gesetzt haben, ob es sie glücklich macht, ihrem Empfinden entspricht, diese Frage haben sie sich schon abtrainiert. Man könnte sie bedauern – schlüge ihre Feindschaft nicht so oft in tödliche Gewalt um.