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Bürgermeister gegen Branddirektor

In Wiesenburg/Mark steht mit Marco Beckendorf ein erfolgreicher Linke-Bürgermeister zur Wiederwahl

Bürgermeister Marco Beckendorf spürt die Angst der Bevölkerung vor zu hoher Verschuldung und will keine weiteren Immobilien erwerben.
Bürgermeister Marco Beckendorf spürt die Angst der Bevölkerung vor zu hoher Verschuldung und will keine weiteren Immobilien erwerben.

»Acht Jahre sind schon wieder rum und wir brauchen einen neuen Bürgermeister – oder nicht«, sagt Ortsvorsteher Norbert Hesse (Linke) zur Begrüßung. Er hält den Schlüssel zur Kunsthalle Wiesenburg in der Hand, die Tür hat er aufgesperrt für ein Kandidatenforum vor der Bürgermeisterwahl am 11. September. Im Ortsteil Wiesenburg hat Hesse den Hut auf. Doch die Gemeinde Wiesenburg/Mark im Kreis Potsdam-Mittelmark ist größer als das gleichnamige Dorf und umfasst noch 13 weitere Ortsteile. Bürgermeister der Gemeinde ist seit 2014 der mit jetzt gerade einmal 40 Jahren noch recht junge Marco Beckendorf (Linke). Er stellt sich zur Wiederwahl. Das meint Ortsvorsteher Hesse mit der Bemerkung, dass man vielleicht keinen neuen Bürgermeister brauche. Man müsste nur den bisherigen im Amt bestätigen.

Es gibt aber noch drei andere Kandidaten: Kim Ole Daniels (FDP) ist 33 Jahre alt, Landwirt und Ortsvorsteher von Benken. Dietmar Paul ist 64 Jahre, Unternehmer und SPD-Vizefraktionchef in der Gemeindevertretung. Er ist aber parteilos und tritt bei der Bürgermeisterwahl auf eigene Faust an. Im Ortsteil Schlamaul wohnhaft, nennt er sich Schlamaul-Paul und hat nicht nur einen beeindruckenden Bart, sondern auch eine Berliner Schnauze. Der ebenfalls parteilose Robert Pulz ist 40 Jahre, rasiert, ein Beamtentyp. Er arbeitet als Branddirektor der Berufsfeuerwehr in Halle/Saale und ist ehrenamtlicher Gemeindevertreter in Wiesenburg. Dort gehört er der Dorfgemeinschafts-Fraktion an, die mit neun von 17 Stimmen über die absolute Mehrheit im Kommunalparlament verfügt, gegen deren ausdrücklichen Willen also nichts läuft.

Pulz ist der wahrscheinlich schärfste Konkurrent von Amtsinhaber Beckendorf, und er geht ihn beim Kandidatenforum in der Kunsthalle auch am schärfsten an. »Ich fürchte, wenn es keinen Politikwechsel gibt, dass das Leben in der Gemeinde Wiesenburg/Mark erheblich teurer wird«, warnt Pulz. Er zeigt ein Diagramm mit den Krediten der Kommune. Die langjährige Bürgermeisterin Barbara Klembt (Linke) hatte den Schuldenberg kontinuierlich abgetragen. Auch Nachfolger Beckendorf setzte diesen Kurs vier Jahre lang fort. Doch dann ein Sinneswandel, den Pulz bedauert.

Beckendorf bedauert ihn nicht. Es herrschte eine Niedrigzinsphase, die er nutzte, Kredite aufzunehmen und von dem Geld Objekte zu kaufen und zu entwickeln. Das sei kein Problem, versichert er. Die Gemeinde kassiere ja Miete und könne davon die Kredite abzahlen. Beckendorf hat noch eine lange Liste von weiteren Objekten, derer er sich ebenfalls gern annehmen würde. Doch er spürt die Sorge der Bevölkerung, die Gemeinde könne sich finanziell übernehmen. Deshalb will Beckendorf die angefangenen Projekte noch planmäßig zu Ende führen, beim Ankauf neuer Objekte aber eine Pause einlegen.

Mitbewerber Dietmar Paul fordert, einige Objekte wieder abzustoßen. Aber das hielte Beckendorf für falsch. In einer Krise wie sie jetzt durch den Krieg in der Ukraine und Spekulationen an den Börsen ausgelöst wurde, müsste der Staat vorangehen, um nicht durch panische Sparprogramme die Wirtschaft ganz abzuwürgen. So hat er es im Studium gelernt. So hat es bei der weltweiten Finanzkrise 2008 mit Konjunkturpaketen in Deutschland gut funktioniert.

Beckendorf gilt als exzellenter Finanzfachmann, genießt auf Landesebene einen sehr guten Ruf. »Ich bin der vielleicht bestinformierte Bürgermeister Brandenburgs«, streicht der 40-Jährige selbst heraus. Er weiß, wo Fördermittel zu holen sind und wie man sie optimal einsetzt. Die Frage ist nun aber am 11. September, ob die Bürger von Wiesenburg das wissen und auf dem Wahlzettel mit ihrem Kreuz hinter seinem Namen belohnen.

Nicht gespart hat Beckendorf bei den Kitas. Auch kleine Einrichtungen blieben erhalten und wurden gepflegt. »Denn wenn es in einem Dorf in der Kita wie bei Hempels unterm Sofa aussieht, ziehen dort garantiert keine jungen Familien hin«, sagt er. Die Gemeinde leistete sich 20 Prozent mehr Erzieherinnen als vom Land Brandenburg laut Personalschlüssel finanziert werden. Die Kleinen sollen gut versorgt werden.

Dazu sagt FDP-Bewerber Daniels: »Da muss ich Herrn Beckendorf loben. Da hat er gute Arbeit geleistet. Da würde ich nichts dran ändern.« Er nimmt den Bürgermeister auch gegen den Vorwurf von Robert Pulz in Schutz, den Gemeindevertretern Haushaltspläne so vorzulegen, dass sie schwer etwas daran ändern können. Mit den Ortsteilen werde vorher alles gut durchgesprochen und es werden deren Wünsche berücksichtigt, versichert Daniels.

Wiesenburg kann seine Einwohnerzahl nur durch Zuzug bei 4300 halten. Das ist gar nicht so einfach, weil es vor Ort nicht viele Arbeitsplätze gibt und der Weg nach Berlin für Berufspendler doch sehr weit ist. Darum sollen die Kandidaten sagen, wie sie den Zuzug anregen wollen. Falls aber jemand eine Idee habe, wie man das Problem durch mehr Geburten löst – nur zu, heißt es noch. Die 82 Zuhörer in der Kunsthalle dürfen lachen, weil ein paar humorvolle Antworten kommen. Mit 40 Jahren und je vier Kindern ist die Familienplanung bei Beckendorf und Pulz abgeschlossen. Daniels hat zwei Kinder und würde gern gleichziehen. Doch da müsste seine Frau mitspielen, und er wolle es nicht so machen wie Beckendorf, schmunzelt Daniels. Der Bürgermeister hat zwei kleine Kinder mit seiner Frau und zwei große mit einer anderen.

Doch wenn man den Spaß beiseite legt, hat Beckendorf auch Lösungsvorschläge. Wenn die jungen Leute zum Studium wegziehen, ist es noch nicht so schlimm. Hauptsache, sie kommen wieder, um eine Familie zu gründen. Dann muss aber die soziale Infrastruktur auch danach sein: Kita, Schule – und nicht das Freibad aus falsch verstandener Sparsamkeit schließen. Gebraucht werden auch Mietwohnungen, weil nicht jeder sofort ein Haus kaufen kann und will. In eins der Häuser, das die Gemeinde zuletzt gekauft hat, sollen zwei günstige Lehrlingswohnungen hineinkommen, erzählt Beckendorf spät am Abend nach der Veranstaltung und zeigt zu dem Haus auf der anderen Straßenseite. Seine Augen strahlen dabei. Er brauche mindestens noch weitere acht Jahre als Bürgermeister von Wiesenburg, um seine Mission zu erfüllen, meint er.

Mitbewerber Pulz sagt derweil erstaunlich offen, was ihn zu seiner Kandidatur bewegte. Die langen Fahrten zu seiner Arbeitsstelle in Halle/Saale belasten ihn. Nebenher noch ehrenamtlich in der Kommunalpolitik und in der Freiwilligen Feuerwehr mitmischen, das könne nicht ewig so weitergehen. Er müsste damit aufhören. Als Bürgermeister würde er nicht mehr verdienen als in seinem jetzigen Job, aber die Pendelei würde entfallen.

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