Die Liebhaberinnen und Liebhaber der Bühnenkunst freuen sich wie immer auf den Theaterwonnemonat Mai. Denn kurz vor Spielzeitende lädt das Haus der Berliner Festspiele alljährlich zum Theatertreffen, der Bestenschau aus dem Bereich des Sprechtheaters. 738 Inszenierungen in 88 Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz hat die siebenköpfige Jury gesichtet. Davon werden die zehn in den Augen der Experten »bemerkenswertesten« Arbeiten im Rahmen des Festivals gezeigt.
Dass »ja nichts ist ok«, die letzte Inszenierung des unerwartet im vergangenen Jahr verstorbenen Volksbühnen-Intendanten René Pollesch[1], ausgewählt würde, galt schon vorher als klar. Auch »Sancta[2]«, dem ersten Ausflug der gehypten Skandal-Regisseurin und -Choreografin Florentina Holzinger ins Opernfach, den die Berliner Volksbühne unter anderem mit der Staatsoper Stuttgart und dem Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin koproduziert hatte, wurde medial bereits rauf und runter besprochen, sodass die Einladung zum Theatertreffen alles andere als überraschend kommt. Dabei ist der Abend vor allem eine Mischung aus Kitsch und Kannibalismus zum Zugucken, gepaart mit einer Religionskritik von gestern.
Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg hat gleich zwei Mal die Ehre – mit »Bernarda Albas Haus« von Federico García Lorca und »Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh« von Georges Perec. Das Berliner Maxim-Gorki-Theater ist mit »Unser Deutschlandmärchen« nach dem Roman von Dinçer Güçyeter vertreten. Mit »Blutbuch« ist auch eine weitere Literaturadaption vom – Überraschung! – Theater Magdeburg dabei. Das Opernhaus Wuppertal zeigt die Pina-Bausch-Reminiszenz »Kontakthof – Echoes of ’78«. Und Ersan Mondtag hat mit »Double Serpent« am Staatstheater Wiesbaden geliefert, was von ihm zu erwarten war: eine ästhetizistische Horrornummer. Bleibt noch eine weitere verblüffende Einladung: Die freie Spielstätte brut Wien zeigt das VR-Spektakel »[EOL]. End of Life« über – nun ja – Datenmüll. Vom Residenztheater München kommt der Doppelabend »Die Gewehre der Frau Carrar/Würgendes Blei[3]«, der Brechts Klassiker mit der Uraufführung eines Textes von Björn SC Deigner verknüpft. In der Schweiz ist die Jury offenbar nicht fündig geworden.
Auf die Gefahr hin, allzu großväterlich zu klingen, stellt man sich vielleicht die Frage: Wo sind die ganzen Bühnenklassiker geblieben? Lessing, Shakespeare, Tschechow? Aber klar – die sind bei der Auswahl für das letzte Jahr[4] hängengeblieben. Denn das Theater, so viel wird durch die zehn Einladungen klar, interessiert sich wenig für den eigenen Kanon auf der Suche nach einem Umgang mit den Krisen der Gegenwart. Düster geht es derzeit zu auf den Bühnen. Die an Brecht geschulte, aber nicht bei ihm Halt machende, kluge Beschäftigung mit Krieg und Massensterben anhand der »Carrar« stellt dabei durchaus richtige Fragen. Und ist Polleschs hinreißender Abend zumindest die Auseinandersetzung mit dem unmöglich gewordenen Dialog im beschädigten Leben im 21. Jahrhundert, versuchen die anderen Inszenierungen nach den eklatanten Problemlagen der Jetztzeit zu greifen – und bekommen sie kaum zufassen. Die große Faschismusparabel, die theatrale Aufarbeitung der ökonomischen Krise, den künstlerischen Umgang mit der Klimakatastrophe muss der Theaterzuschauer im Spielplan suchen und stößt stattdessen auf technologische Innovation, seelische Abgründe und schöne Illustrationen einer abgründigen Gegenwart.
Das Berliner Theatertreffen findet vom 2. bis 18. Mai statt und präsentiert, neben einem Begleitprogramm, die von einer Fachjury ausgewählten zehn bemerkenswertesten Schauspielinszenierungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.
www.berlinerfestspiele.de/theatertreffen[5]