Der Präsident von Botswana, Duma Boko, hat den nationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen. Grund sind gravierende Mängel an wichtigen Medikamenten und Hilfsgütern in Krankenhäusern und Gesundheitsstationen im ganzen Land. »Die medizinische Versorgungskette, die von den zentralen medizinischen Lagern betrieben wird, ist zusammengebrochen«, sagte er Anfang der Woche in einer Fernsehansprache. Um die Notlage zu mildern, habe das Finanzministerium 250 Millionen Pula (18,4 Millionen US-Dollar) für dringende Beschaffungen bewilligt. Boko kündigte den Einsatz der Armee an, um die Verteilung zu überwachen. Die ersten Konvois seien von der Hauptstadt Gaborone aus in entlegene Regionen aufgebrochen. Das 2,5-Millionen-Einwohner-Land ist flächenmäßig etwas größer als Frankreich.
In einigen Gegenden seien Gesundheitseinrichtungen nicht mehr in der Lage, die Grundbedürfnisse der Patienten zu decken, wie das afrikanische Nachrichtenportal APA-News berichtet. Die Krise hat sich in dem Binnenland im südlichen Afrika bereits seit Anfang August verschärft. Das Gesundheitsministerium wies die Krankenhäuser an, alle nicht dringenden Operationen zu verschieben. Schwindende Vorräte gibt es den Angaben zufolge bei wichtigen Medikamenten etwa gegen Bluthochdruck, Krebs, Diabetes, Tuberkulose, Aids und psychische Erkrankungen.
Botswana galt viele Jahre als afrikanisches Vorzeigeland. Politisch stabil und mit hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten konnte ein flächendeckend gutes öffentliches Gesundheitswesen aufgebaut werden. Obwohl das südliche Afrika bis heute als Hotspot der Aids-Krise gilt[1], gelang es Botswana als weltweit erstem Land mit hoher Krankheitslast, wichtige Ziele der Vereinten Nationen im Kampf gegen die HIV-Verbreitung zu erreichen. Während beim großen Nachbarn Südafrika der damalige Präsident Thabo Mbeki mit Verschwörungstheorien die Bekämpfung der Seuche behinderte, setzten die Behörden in Botswana sehr frühzeitig auf Aufklärung, Tests und kostenlose Behandlung der Bürger mit antiretroviralen Therapien. Noch in diesem Mai konnte sogar der »Gold-Status« für die Eliminierung der Mutter-Kind-Übertragung von HIV erreicht werden. Von einem »Meilenstein für die globale Gesundheitsversorgung« sprach der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen. »Dies ist eine enorme Leistung für ein Land mit einer der schwersten HIV-Epidemien weltweit, in dem 1999 die HIV-Prävalenz unter Erwachsenen auf bis zu 30 Prozent geschätzt wurde.«
»Ein Gesundheitsnotstand erfordert eine Triage, bei der die Rettung von Menschenleben Vorrang vor nicht lebensnotwendigen Programmen hat.«
Botswana Network on Ethics, Law and HIV/Aids
Solche Erfolge sind nun in ernster Gefahr. Eine Hauptgrund für die Probleme ist die Aussetzung der US-Auslandshilfe[2] – Washington finanzierte zuletzt etwa ein Drittel der HIV-Bekämpfungsmaßnahmen im Land. Berichten zufolge wurde bereits der Zugang zu frühzeitiger Diagnose und Behandlung von HIV eingeschränkt. Laut UNAIDS wird die »Fähigkeit Botswanas untergraben«, die UN-Ziele für 2030 vollständig zu erreichen. Gewarnt wird vor gesundheitlichen Komplikationen und höheren Ausfallraten bei der Einhaltung der Behandlung, was wiederum mit einer »mangelnden Virusunterdrückung korreliert«. Anders ausgedrückt: HIV wird sich wieder ausbreiten.
Das Finanzproblem wird durch einen Preisverfall beim Hauptexportgut Botswanas auf dem Weltmarkt verschärft: Diamanten. [3]Dadurch fehlen dem Staat wichtige Einnahmen. Da sie im öffentlichen Gesundheitswesen nicht verfügbar sind, werden Patienten in privaten Krankenhäusern aufgenommen. Indes ist der Staat nicht mehr in der Lage, die entstehenden Kosten zu begleichen.
Die Opposition wirft der Regierung derweile Versagen vor und kritisiert, die staatlichen Beschaffungs- und Verteilsysteme für Medikamente seien ineffizient und anfällig für Fehler. Ganz offensichtlich habe die politische Führung Menschen mit chronischen Krankheiten schon abgeschrieben, heißt es. Allerdings ist Präsident Boko erst seit November 2024 im Amt. Der 55-jährige Harvard-Jurist schrieb Geschichte, weil seine Partei Umbrella for Democratic Change mit dem Versprechen sozialer Verbesserungen einen Erdrutsch gegen die Botswana Democratic Party errang, die seit der Unabhängigkeit 1966 ununterbrochen regiert hatte.
Das Botswana Network on Ethics, Law and HIV/Aids (Bonela) begrüßte, dass die Regierung transparent mit der Krise umgehe. Allerdings habe das Gesundheitsministerium wichtige ethische Standards vernachlässigt, indem es die Abgabe lebenswichtiger Medikamente insbesondere für chronisch Kranke nicht angemessen neu priorisiert habe, erklärte die Menschenrechtsorganisation gegenüber der Zeitung »Botswana Gazette«. »Ein Gesundheitsnotstand erfordert eine Triage, bei der die Rettung von Menschenleben Vorrang vor nicht lebensnotwendigen Programmen hat.« Bonela forderte die Behörden außerdem nachdrücklich auf, eine »inklusive Entscheidungsfindung« zu verfolgen, indem alle relevanten Interessengruppen, einschließlich der Zivilgesellschaft und der Entwicklungspartner, konsultiert werden.
Dazu müssten insbesondere die Beschäftigten im Gesundheitswesen gehören. Vom Verband der Krankenpflegerinnen und -pfleger hieß es, das medizinische Personal werde in der Krise im Stich gelassen. Es gebe weder ein Notfallmanagement noch konkrete Anweisungen, wie Patienten ohne lebenswichtige Medikamente behandelt werden könnten. Das sei für die Beschäftigten »mentale Folter«.