nd-aktuell.de / 29.08.2025 / Kultur

Das älteste Verbrechen

Smedley Butler hat viele Kriege der USA mitgemacht – und dann flammend verurteilt

Dago Langhans
Was vom Menschen übrig bleibt: Bergung Getöteter in der Ukraine
Was vom Menschen übrig bleibt: Bergung Getöteter in der Ukraine

Smedley D. Butler veröffentlichte einige Jahre nach seinem Abschied aus dem U.S. Marine Corps 1935 ein aus zahlreichen Vorträgen und Reden zusammengestelltes Pamphlet: »War is a Racket«. Racket lässt sich vielfältig übersetzen: Gaunerei, Betrug, schmutziges Geschäft oder auch Verbrechen. Die deutsche Neuerscheinung, herausgegeben vom ehemaligen Sicherheitsberater Angela Merkels, Erich Vad, übernimmt eine Kapitelüberschrift des Bändchens als Titel für die deutsche Ausgabe: »Zur Hölle mit dem Krieg!«. Diese Schrift gehört seit 90 Jahren zu den Standardwerken des Antimilitarismus und Antiimperialismus in den USA.

Butler schloss sich 1898 bereits beim Ausbruch des Krieges der USA gegen Spanien den U.S. Marines an, damals noch eine Infanterie-Hilfstruppe der US-Marine, aus der später eine Eliteeinheit für besonders brisante Einsätze wurde. Bereits mit 16 Jahren wurde er zum Leutnant ernannt und kämpfte in Kuba zuerst gegen die spanische Kolonialmacht und dann gegen die Unabhängigkeitsbewegung der Kubaner. In seiner 34-jährigen Militärkarriere war er an beinahe allen Militärinterventionen der USA beteiligt. Der spätere Generalmajor wurde überall dort eingesetzt, wo es brannte beziehungsweise die Verhältnisse zum Brennen gebracht wurden.

»Krieg ist die profitabelste und bösartigste Betrugsmasche überhaupt.«

Smedley D. Butler

Kuba, China, Haiti, Honduras, Nicaragua, Panama, Mexiko und die Philippinen gehörten zu seinen Stationen im Dienste der US-Elite, bei denen das gesamte Programm neuzeitlicher Aufstandsbekämpfung durchexerziert wurde: Dschungelkrieg, Häuserkampf, Zwangsarbeit und gnadenlose Verfolgung politischer Gegner. Umso verwunderlicher, dass sich Butler später politisch auf der Seite der Kriegsgegner positionierte. Mehrere persönliche Ereignisse waren dafür ausschlaggebend.

Butler trat 1931 in den Ruhestand. Noch vor seiner Pensionierung im gleichen Jahr erwähnte er in Philadelphia bei einer Rede zur Verhinderung der Kriegsgefahr eine Anekdote, die ihm ein Freund zugetragen hatte. Dieser gute Bekannte war von Mussolini in Italien in einem Sportwagen mitgenommen worden. Bei der halsbrecherischen Fahrt überfuhr der Diktator ein Kind und beging Fahrerflucht. Auf die erschreckte Reaktion des Beifahrers soll Mussolini geantwortet haben: »Es war nur ein Leben. Was bedeutet ein Leben schon für die Angelegenheiten des Staates?« Nach dieser Rede tobte Mussolini, der US-Außenminister entschuldigte sich, Butler wurde verhaftet und mit einem Kriegsgerichtsverfahren bedroht, das jedoch eingestellt wurde. 1943, nach der Verhaftung Mussolinis, bestätigte dessen ehemaliger Beifahrer Cornelius Vanderbilt den gesamten Vorgang.

1933 planten einflussreiche Finanziers und Industrielle in den USA einen Staatsstreich (»Business Plot«), für den sie auch Butler gewinnen wollten. Der Finanzagent Gerald Mac Guire versuchte mehrfach, ihn als obersten Befehlshaber für 500 000 Ex-Soldaten der American Legion zu gewinnen, die die Hauptstadt Washington besetzen sollten. Hintergrund war Franklin Delano Roosevelts »New Deal«, der in der Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs der USA versuchte, die sozialen Verhältnisse zum Missfallen der wirtschaftlichen und politischen Elite zugunsten auch ärmerer Bevölkerungsschichten zu ändern.

»Wenn Sie diese 500 000 Soldaten dazu bringen, irgendetwas zu befürworten, das nach Faschismus riecht, werde ich Ihnen 500 000 weitere besorgen und sie in Grund und Boden hauen, und dann haben wir einen richtigen Krieg im eigenen Land«, lautete Smedley Butlers Antwort gemäß seiner Aussage 1934 vor dem US-Kongress.

»Der Krieg ist ein betrügerisches Verbrechen. Das war er schon immer. Möglicherweise ist der Krieg die älteste, mit Sicherheit aber die profitabelste und bösartigste Betrugsmasche überhaupt. (…) Krieg ist das einzige System, bei dem die Gewinne in Dollars und die Verluste in Menschenleben gerechnet werden. (…) Nur eine kleine Gruppe von Insidern weiß, worum es beim Krieg wirklich geht. Der Betrug des Krieges wird zum Vorteil weniger auf Kosten vieler betrieben – denn mit ihm machen einige Leute ein riesiges Vermögen.« So schreibt Butler im ersten Kapitel seiner Kampfschrift »Zur Hölle mit dem Krieg!«. Bei seinem Tod 1940 war er der höchstdekorierte Soldat der U.S. Marines. Noch heute ist ein Stützpunkt des US-Marine Corps in Okinawa, eine von über 700 Militärbasen in rund 80 Staaten, nach ihm benannt.

Smedley D. Butler: Zur Hölle mit dem Krieg! Fifty-Fifty-Verlag, 48 S., 12 €.