Über mehrere Stunden lang wurde die queere Bar »Tipsy Bear« Ende Juni angegriffen – und das bereits zum zweiten Mal innerhalb von zwei Monaten. Sieben bis acht Personen hatten zunächst Regenbogenflaggen abgerissen und seien mehrere Male wiedergekommen. Einer sei vor der Tür mit einem Baseballschläger auf Betreiber und Gäste zugerannt, die sich daraufhin in der Bar einschlossen, erklärte der Inhaber. Keine 24 Stunden später wurde der Betreiber des Schwulen-Cafes »Romeo und Romeo« vor seinem Geschäft bedroht und mit einer Bierflasche angegriffen. Er musste mit Platzwunde ins Krankenhaus.
Im Vorjahr hatte die Opferberatungsstelle Maneo mit 738 Fällen einen damals neuen Höchststand queerfeindlicher Vorfälle in Berlin[1] registriert – Körperverletzungen, Beleidigungen, Angriffe auf Gedenkorte. Zahlen für 2025 gibt es noch nicht. Zur Veranschaulichung der steigenden Zahlen aber seien hier die 45 Ermittlungsverfahren erwähnt, die allein im Umfeld des queeren Cafes »Das Hoven« in den vergangenen 18 Monaten bereits eingeleitet wurden.
Fest steht, queerfeindliche Gewalt – das wird neben Beratungsfällen auch aus polizeilichen Erfassungen der vergangenen Jahre deutlich – stellt ein wachsendes Problem dar. Bundesweit, aber auch in der LGBTQ-Hauptstadt Berlin und im traditionell queeren Ortsteil Prenzlauer Berg. Zur Selbsthilfe haben sich daher nun mehrere Veranstaltungsorte, Kollektive und Einzelpersonen dort zur »Queer Neighborhood Association« (Queere Nachbarschaftsvereinigung) zusammengeschlossen. »Diese Vorfälle sind keine Einzelfälle. Sie sind Teil einer zunehmenden Welle von Queer-Hass, angeheizt durch die extreme Rechte, Faschismus und die Kommerzialisierung unseres Lebens«, heißt es in der zur Gründung verschickten Pressemitteilung.
Zur Allianz gehören neben großen und etablierten Häusern wie der Volksbühne und dem Ballhaus Ost auch Szenegrößen und sichere Rückzugs- und Wohnorte wie das Tuntenhaus, das Wagenkollektiv Marzipan, das Hausprojekt Brunnenstraße 6/7 sowie die betroffene Bar »Tipsy Bear«. Das Ziel: Zunächst »gemeinsam eine öffentliche Aktion in der Nachbarschaft planen«. Dies soll jedoch nur der Auftakt sein für »ein dauerhaftes Netzwerk der queeren Community, beginnend in Prenzlauer Berg-Pankow, aber mit der Vision, es auf die ganze Stadt auszuweiten«.
Den Auftakt dazu soll an diesem Sonntag ein Aktionstag bilden, mit einer Demonstration ab Volksbühne, mit Musik, Performances und Afterparty im »Tipsy Bear«. »Wir rufen zu queerer Sichtbarkeit auf den Straßen von Prenzlauer Berg auf, um die queere Szene, künstlerische Institutionen und Verbündete aus der Nachbarschaft miteinander zu vereinen«, so die Queer Neighborhood Association. Diese nachbarschaftliche Selbsthilfe ist dabei nicht nur eine direkte Antwort auf die Übergriffe in den vergangenen Monaten. Es gehe auch um den »Rückgang administrativer Unterstützung«, um Verdrängung und den Verlust sicherer Kultur- und Wohnorte. »Selbstorganisierte Räume wie Liebig 34 und Mollies wurden bereits geräumt, während das Tuntenhaus und der queere Wagenplatz Marzipan ständig von Gentrifizierung und der extremen Rechten bedroht sind.« Denn hinter der zunehmenden Gewalt stehen letztlich ein immer stärker zunehmender Rechtsdrift in der Politik, eine restriktive Administration, polizeiliche Repressionen gegen linke Projekte, Budget-Kürzungen für Kulturprojekte und ein gesamtgesellschaftlich sich aufheizendes rechtes Klima, das den Hass gegen marginalisierte Gruppen befördert.
Dass in Zeiten dieses autoritären Drifts nachbarschaftliche Selbsthilfe und solidarische Selbstorganisation für queeres Leben essenziell ist, zeigt gerade auch das Beispiel des Association-Mitglieds Tuntenhaus: Nach Monaten der Ungewissheit konnte es erst 2024 durch ein breites Solidaritätsbündnis und durch Druck von der Straße auf die ursprünglichen potenziellen Käufer und auf den Bezirk Pankow gerettet werden. Der Bezirk übte schließlich sein Vorkaufsrecht aus[2]. Die Käufer hätten sich durch eine sogenannte Anwendungsvereinbarung verpflichten müssen, auf eine Luxussanierung zu verzichten, hatten es aber nicht getan. So konnte erreicht werden, dass das Hausprojekt unter einem gemeinwohlorientierten Eigentümer fortbesteht.