»Wer eine Ausbildung abgeschlossen hat, ist generell weniger von Arbeitslosigkeit betroffen als jemand ohne Ausbildung[1]«, erklärt am Freitag Ramona Schröder, Regionaldirektionschefin der Arbeitsagentur. Daher sei es für Schulabgänger wichtig, »jetzt eine passende Ausbildung zu finden und in ein selbstbestimmtes Leben durchzustarten«.
So einfach scheint das aber nicht zu sein. Denn der Gewerkschaftsbund DGB hat mit einer Umfrage unter 500 Berliner Jugendlichen herausgefunden, dass 58 Prozent von ihnen auf Bewerbungen hin keine Rückmeldung erhalten. 41 Prozent der Befragten schilderten dem DGB zufolge, Diskriminierung in Auswahl- und Bewerbungsverfahren erlebt zu haben.
Die Firmen sollten ihre Bewerbungsprozesse kritisch überprüfen und neu ausrichten, empfiehlt Gwendolyn Stilling von der GKS Consult-Gesellschaft für Kommunikation und Soziales, die diese Befragung durchgeführt hat.
»Nur jedes zehnte Unternehmen bildet aus, 90 Prozent ziehen sich aus ihrer Verantwortung zurück und überlassen es den Mitbewerbern, für die Fachkräfte von morgen zu sorgen«, beklagt DGB-Landesbezirksvize Nele Techen. Das müsse sich ändern und das beste Instrument dafür sei eine Ausbildungsplatzumlage. Diese Umlage müsste von Firmen gezahlt werden, die Lehrlinge haben könnten, aber sich diese Mühe nicht machen.
»Es braucht eine Ausbildungsumlage«, meint auch Orcun Ilter vom Landesschülerausschuss. Dagegen nennt Alexander Schirp von den Unternehmensverbänden Berlin-Brandenburg eine solche Umlage unsinnig und überflüssig. Er beteuert: »Trotz der schwachen Auftragslage suchen viele Betriebe dringend nach Bewerberinnen und Bewerbern, um ihren Fachkräftebedarf in der Zukunft zu sichern.«
Schirp zufolge herrscht bei den Betrieben Unsicherheit und Vorsicht, dies auch angesichts der unberechenbaren US-Zollpolitik – mit Folgen für die Arbeitslosenzahlen in Berlin. Hier sei die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zum dritten Mal in Folge rückläufig und das habe es seit vielen Jahren nicht gegeben.
Nach Angaben der Arbeitsagentur ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Berliner von Mai zu Juni zwar um 900 Personen auf etwa 1,68 Millionen gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahr waren es allerdings noch einmal 2600 Personen weniger.
Ebenfalls im Vergleich zum Vorjahr ist die Arbeitslosenquote[2] im August um 0,6 Prozentpunkte auf 10,5 Prozent gestiegen. 223 461 Berliner waren im August arbeitslos gemeldet. 68 661 von ihnen waren langzeitarbeitslos, also schon mindestens ein Jahr ohne Stelle.
»Der Berliner Arbeitsmarkt gerät durch eine schwächelnde Konjuktur weiter unter Druck«, analysiert Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin der hiesigen Industrie- und Handelskammer. »Zusätzlich trüben sinkende Investitionen, eine verhaltene Konsumnachfrage und rückläufige Exporte die Chancen auf eine baldige wirtschaftliche Erholung.«
In Brandenburg sind 88 145 Einwohner arbeitslos gemeldet. Das sind 1993 mehr als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote[3] stieg binnen eines Jahres um 0,3 Prozentpunkte auf 6,5 Prozent. 33 691 Brandenburger sind langzeitarbeitslos.
»Die Zahlen zeigen deutlich: Der Arbeitsmarkt in Brandenburg ist angespannt. Besonders junge Menschen brauchen jetzt Sicherheit und Perspektiven. Eine Ausbildung ist wichtig, aber sie darf kein Glücksspiel sein«, urteilt Brandenburgs Linke-Landesvorsitzender Sebastian Walter. »Wir brauchen mehr Ausbildungsplätze in öffentlicher Hand, eine Umlagefinanzierung für Betriebe, die sich aus der Verantwortung ziehen und bessere Bedingungen in den Betrieben, damit Ausbildungen nicht abgebrochen werden.« Arbeitslosigkeit sei kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Problem. Deshalb müsse die Politik handeln – durch Investitionen in Bildung, soziale Sicherheit und gute Arbeit statt Kürzungen.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1193659.arbeit-frust-bei-bewerbungen.html