Im Klimawandel stellt sich die Klassenfrage neu und verschärft. Denn wo das Kapital unreguliert herrscht, gibt es für Arbeiter oft kein Entrinnen vor der unbarmherzigen Sonne und immer extremeren Hitzewellen. So gilt seit 2023 im republikanisch regierten US-Bundesstaat Texas das Gesetz »HB 2127«, das es Kommunen verbietet, strengere Hitzeschutz-Verordnungen für Arbeiter zu erlassen. Das richtete sich gegen liberale Hochburgen wie Austin und Dallas, wo Unternehmen bei bestimmten Temperaturen ihren Arbeitern alle vier Stunden zehn Minuten Pause gewähren mussten, um zu trinken und sich im Schatten abzukühlen. San Antonio plante eine ähnliche Regelung. Aber selbst diesen minimalen Schutz empfand die Bauindustrie als existenzgefährdende Zumutung. Im Bundesstaat Florida gibt es eine ähnliche Regelung, die lokale Verbesserungen am Arbeitsplatz verbietet.
Auf Bundesebene in den USA sieht es nicht viel besser aus. Auch unter der Regierung von Joe Biden hat es die Arbeitssicherheitsbehörde OSHA nicht geschafft, eine Hitzeschutz-Verordnung für das ganze Land zu verabschieden. Die Industrie-Lobby war übermächtig.
Dabei haben sich im Zuge der Erderwärmung die hitzebedingten Todesfälle insbesondere im Südwesten der USA zwischen 1999 und 2023 verdoppelt, wie aus einer im »Journal of American Medicine« (JAMA) veröffentlichten Studie hervorgeht. Demnach waren in dem Zeitraum 21 518 Todesfälle direkt oder indirekt von der Hitze bedingt. Die letzten sieben Jahre in dieser Periode waren dabei jeweils die schlimmsten, die höchste Zahl wurde 2023 mit 2325 Todesfällen registriert. Stark betroffen ist neben älteren und kranken Menschen auch die Arbeitswelt: Nach offiziellen Statistiken des Bureau of Labor Statistics gab es in den Jahren 2011 bis 2022 fast 34 000 hitzebedingte Krankheits- und Verletzungsfälle bei der Arbeit und 479 Todesfälle. Spitzenreiter war laut der Bundesbehörde Texas mit 42 Fällen in diesem Zeitraum.
Ana Gonzalez vom Texas-Zweig des Gewerkschaftsdachverbands AFL-CIO, sagte der »Texas Tribune«, dass diese Statistiken das wahre Ausmaß des Problems mit Sicherheit noch weit untertrieben. »Die Bauindustrie ist eine tödliche Branche. Selbst minimale Schutzmaßnahmen können Leben retten.« Sie erwartet weiter steigende Todeszahlen, auch wegen der fortschreitenden Urbanisierung von Texas, die neue städtische Hitzeinseln schaffe.
Weniger bekannt sind schwere Nieren-, Kreislauf- sowie Atemwegserkrankungen als Folge der Hitze. »Heiße, feuchte Luft kann Asthma und chronisch obstruktive Lungenerkrankungen verschlimmern sowie andere lebensbedrohende hitzebedingte Krankheiten auslösen«, mahnt Harold Wimmer, Präsident der American Lung Association.
Ein politisches System, das derart die Arbeitgeber schützt, überlässt diesen ebenfalls die ethische Verantwortung, den Klimawandel zu meistern. Der Journalist Jeff Goodell berichtet in seinem Buch »The Heat will kill you first: Life and Death on a Scorched Planet« von Unternehmen in Texas, die ihren Mitarbeitern Klimaanlagen bereistellen. Ein Barbeque-Restaurant in Austin bietet den Arbeitern sogar kostenlose Elektrolyte- und Energy-Drinks an. Die Temperaturen in den Küchen sind indes so hoch, dass die Thermometer vor Ort regelmäßig platzen. Arbeiter berichten, dass sie das Gefühl haben, bei jeder Schicht einfach »kapitulieren zu müssen«. In anderen Fällen, schreibt Goodell, werden Arbeiter, die sich beklagen, von Ihren Chefs angeblafft, dass die Hitze »Texas tough« macht, also abhärtet.
Gleichwohl gibt es deutliche Unterschiede in der Arbeiterschaft. Im Januar dieses Jahres wies der Fachverband American Public Health Association in einem offenen Brief an die neue Regierung darauf hin, dass Niedriglohnarbeiter fünf mal so viele hitzebedingte Verletzungen wie ihre bestbezahlten Kollegen erlitten. Latino-Arbeiter machten ein Drittel aller Todesfälle durch Hitzeeinwirkung aus, wobei Landarbeiter die höchsten Sterberaten aufwiesen.
Progressive verweisen derweil auf Indien, wo das Klima in einigen Landesteilen ähnlich heiß und feucht wie im US-amerikanischen Süden sein kann. Dort gibt es ein Hitze-Versicherungs-Programm ähnlich einer Krankenversicherung. Wenn Arbeiter aufgrund von Hitze nicht arbeiten können, bekommen sie eine Kompensation des ausgefallenen Lohnes. Im Jahr 2024 wurden 50 000 Arbeiterinnen in Rajasthan, Maharashtra und Gujarat von der Women’s Climate Shock Insurance and Livelihoods Initiative entschädigt. In diesem Jahr waren bereits 225 000 in diesem Programm.
In den USA engagiert sich die Initiative »Climate Resilience for All« für ähnliche Maßnahmen. Doch das Gesetz »HB 2127« in Texas war eine Breitseite nicht nur gegen fortschrittliche Städte wie Austin, Dallas oder San Antonio, sondern auch gegen Regelungen im Immobilien- oder Finanzsektor. Die Sonne kann gefährlich sein, aber ein System, das das Recht auf Schatten-Pausen erschwert, noch viel mehr.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1193662.klimawandel-usa-proletarischer-hitzetod.html