nd-aktuell.de / 31.08.2025 / Berlin

Schwimmender Jugendklub

Roter Baum tauft sein einzigartiges Boot auf den Namen »Käthe«

Andreas Fritsche
Das Jugendschiff »Käthe« nach seiner Taufe am Freitagabend im Strandbad Wendenschloss
Das Jugendschiff »Käthe« nach seiner Taufe am Freitagabend im Strandbad Wendenschloss

Jule macht bereits seit zehn Jahren mobile Jugendarbeit. Aber das jetzt sei das »krasseste« Projekt, erzählt sie begeistert. Im Strandbad Wendenschloss hat ein schwimmender Jugendklub am Bootssteg festgemacht. Jule ist die Kapitänin. Neben ihren Kollegen Christian und Gerrit, die ebenfalls extra den Bootsführerschein gemacht haben, sind Victoria und Aurora an Bord, die auf dem neuen Schiff ihren Freiwilligendienst absolvieren.

Wie das Schiff heißen soll, darüber haben die Jugendlichen abgestimmt. So wird es dann am Freitagabend im Strandbad Wendenschloss auf den Namen »Käthe« getauft – allerdings nicht traditionell mit Sekt, sondern jugendgerecht alkoholfrei mit viel Wasser aus Spritzpistolen.

Bis hier hin sei es »ein Weg voller Hoffnungen, Erfolge und Rückschläge« gewesen, »eine wahre Odyssee«, erzählt Martin Kleinfelder[1]. Er ist bei der gemeinnützigen linken Unternehmergesellschaft Roter Baum[2] der Leiter für den Bereich Berlin. Dass am Ende die Bootstaufe noch einmal um eine Woche verschoben werden musste, weil das Schiff etwas zu spät ankam, sei ein Sinnbild für die vielen Schwierigkeiten, die es zu überwinden galt, findet Kleinfelder.

Er berichtet, dass noch der alte rot-grün-rote Senat mehr Geld für die Jugendarbeit in die Berliner Bezirke gegeben habe. Das sei die Initialzündung gewesen. Der Bezirk Treptow-Köpenick habe dann ein mobiles Jugendprojekt ausgeschrieben, mit dem die bislang in dieser Hinsicht völlig unversorgten Ortsteile Grünau, Schmöckwitz und Müggelheim betreut werden sollten. In seinem Urlaub habe er ein Konzept geschrieben, erinnert sich Kleinfelder. Schließlich erteilte der Jugendhilfeausschuss des Bezirks den Zuschlag.

Die Idee zu einem Jugendzenrum, das auf dem Wasser zwischen den verschiedenen Standorten pendelt, haben beim Blick auf die Karte mit dem Langen See nahegelegen, sagt Kleinfelder. Auch der Gedanke, ein den eigenen Wünschen und Erfordernissen genügendes Boot bauen zu lassen, drängte sich auf, oder wie Kleinfelder formuliert: »Es war eine wirtschaftliche Entscheidung.« Denn übergangsweise hatte der Rote Baum seit den Sommerferien 2023 ein Partyboot für die Arbeit mit den Jugendlichen für 3500 Euro im Monat gemietet. Dabei sei das noch ein Freundschaftspreis gewesen, da für diese Partyboote sonst 500 bis 600 Euro am Tag verlangt werden, sagt Kleinfelder. Jeder konnte sich leicht ausrechnen, wie schnell sich die Investition in ein eigenes Boot da rechnen würde.

»Nachdem wir 100 000 Euro in der Havel versenkt hatten, brauchten wir uns keine Hoffnung mehr auf öffentliche Förderung machen.«

Martin Kleinfelder Roter Baum

Ende 2022 gab der Rote Baum[3] ein Schiff bei einer Werft in Auftrag und zahlte 107 000 Euro Vorschuss. »Das Geld ist futsch«, beklagt Kleinfelder. Denn die Werft ging bald pleite. »Wir haben viel Lehrgeld bezahlt«, gesteht der 50-Jährige. »Nachdem wir 100 000 Euro in der Havel versenkt hatten, brauchten wir uns keine Hoffnung mehr auf öffentliche Förderung machen.«

Doch der Fußballklub 1. FC Union und viele seiner Fans sind in die Bresche gesprungen. Das Schiff konnte auch ohne einen Cent staatlichen Zuschuss doch noch von einer anderen Werft gebaut werden. Christian Arbeit ist vor allem als Stadionsprecher von Union bekannt geworden. Er ist aber auch Vorstandsvorsitzender der Klub-Stiftung »Eisern vereint – Schulter an Schulter«. Die Stiftung spendierte 20 000 Euro für das Schiff. Arbeit reicht am Freitagabend symbolisch noch einen großen Scheck nach, auf dem der Betrag vermerkt ist. Eingegangen sind außerdem tausende Spenden von Unionern und Nicht-Unionern, die sich auf über 30 000 Euro summieren. Den nicht unerheblichen Rest – die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 245 000 Euro – brachte der Rote Baum aus eigener Tasche auf.

Jugendliche haben schon Möbel für das Schiff gebaut und dürfen es nun außen und innen farblich gestalten. Es bleibt nicht so neutral weiß wie geliefert. An Bord gibt es einen am Freitagabend gleich fleißig gespielten Kicker, eine Sitzgruppe, eine Küchenzeile und eine Toilette, außerdem je eine Terasse am Bug und am Heck und eine weitere oben auf dem Dach. Auf dem Dach sind auch zehn Solarmodule installiert. Sie laden die Akkus im Bauch des Schiffes mit Sonnenenergie auf. Das Schiff fährt mit Strom anstatt mit Diesel – und zwar das ganze Jahr hindurch, solange es nicht festfriert. »Vom Wind hängt es auch ab«, erklärt Kapitänin Jule. »Wir sind ja wie eine fahrende Schrankwand.« Bei zu stürmischem Wetter käme das Schiff nicht mehr vom Fleck. Allein in Müggelheim warten immer 15 Jugendliche, manchmal kommen dort auch fast 30 Heranwachsende.

Nach Angaben von Martin Kleinfelder gibt es in Berlin keinen anderen Jugendklub, der auf dem Wasser daherkommt. Es existiert aktuell nur ein anderer Jugendklub auf einem Schiff, das aber permanent am Ufer festgemacht hat.

mjz-langer-see.de[4]

Links:

  1. https://www.nd-aktuell.de/artikel/236942.weltoffen-und-jung.html?
  2. https://www.nd-aktuell.de/artikel/38298.zum-teebeutel-weitwurf-in-die-tatra.html?
  3. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1170459.linke-jugendarbeit-roter-baum-mit-stacheln.html?
  4. https://mjz-langer-see.de/