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Als das Lesen noch geholfen hat: Taschenbücher olé!
Vor dem Internet waren Taschenbücher das Beste auf der Welt – für Westdeutsche an der Uni
Ein Buch, ein gutes Buch, ist das Beste auf der Welt. So dachte man früher, in analoger Vorzeit. Bibliotheken waren wie Internet, irgendwie. Und Buchhandlungen waren Food Courts des Geistes gewissermaßen, für den kleinen und für den großen Hunger. Vor allem waren Bücher erschwinglich, seit in den 50er Jahren das Taschenbuch seinen Siegeszug antrat. Die Verlage Rowohlt und Fischer fingen damit an – ihre Bücher hatten Klebebindung, waren broschiert und kosteten unter 2 DM, für ein gebundenes Buch musste man 9 bis 12 DM hinlegen. Das war eine Revolution auf dem Buchmarkt, die für eine Demokratisierung von Wissen sorgte, auch wenn sie sich vornehmlich an Studierende richtete – auf eine Uni musste man es erst mal schaffen. Je ärmer die Eltern, desto geringer die Chance, das gilt bis heute.
Vor der Durchdigitaliserung der Gesellschaft waren Bildungsgeschichten vornehmlich Buchgeschichten, aus der Jörg Döring (Philologe) und Ute Schneider (Buchwissenschaftlerin) ein interessantes Buch gemacht haben: »Bildung – Taschenbuch – BRD«. Eine kleine Kulturgeschichte der BRD als Lektüregeschichte: »Westdeutsche Leser:innen erzählen« lautet der Untertitel. Es haben durchweg Akademiker geschrieben, darunter viele Profs (wie auch die beiden Herausgeber), aber aus unterschiedlichen Jahrgängen. Der Älteste wurde 1927 geboren (der frühere Luchterhand-Leiter Hans Altenhein), viele in den 40er und in den 60er Jahren.
Man muss sich das einmal vorstellen: 1955 hatte ein Drittel der Bevölkerung kein einziges Buch zu Hause. Der Erziehungswissenschaftler Rolf Seubert glaubt, dass es 1941, als er als fünftes Kind einer Arbeiterfamilie in Frankfurt/Main geboren wurde, in der Wohnung seiner Eltern »ganz sicher nur ein sogenanntes Buch« gegeben habe: das Parteibuch der NSDAP seines Vaters. Ein durchaus beispielhafter deutscher Zustand. Über Volksschule, Fabrik, Gewerkschaft, Abenschule landet er auf der Hochschule und liest »Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung« von A. S. Neill. Er fühlt sich als Außenseiter, doch linke Wissenschaftler helfen ihm bei der Promotion.
Hans Ulrich Gumbrecht liest Texte nur so lange, bis sie »neue Gedanken« auslösen, und dann weg damit.
So offen verfasst sind wenige der versammelten »lesebiografischen Miniaturen«, wie die sie Herausgeber nennen. Ironie, Humor oder Selbstreflexion scheinen vielen Autoren (tatsächlich alles Männer) unangebracht. Wie man es halt an der Universität so macht: versuchen, andere durch Namedropping zu beeindrucken. Es ist erschreckend, dass sie meinen, dieser lahme, aber trotzdem autoritär formulierte Stil reiner Lektüreauflistung sei immer noch angesagt. Der kalte Kanon-Kakao.
Da ist es sehr erfrischend, wenn der bekannte Literaturprofessor Hans Ulrich Gumbrecht »einen flagranten und kaum zu behebenden Mangel an Belesenheit« bekennt, da er generell Texte nur so lange lese, bis sie bei ihm »neue Gedanken« auslösen, und dann weg damit. Große Ausnahme ist »Les mots et les choses« (Die Ordnung der Dinge) von Michel Foucault, denn dies »forderte Konzentration, Nüchternheit und Geduld«. 1966 erschienen, wurde es Gumbrechts »Lieblingsbuch«, das er mehrfach durchgearbeitet hat. Schließlich traf er auch dessen Verfasser in Paris, den er als einnehmend und sympathisch schildert, obwohl er schon ein Uni-Superstar war.
Der Historiker Detlef Siegfried berichtet weniger über seinen Marx-Lesekreis (»Lohnarbeit und Kapital«), dem er Anfang der 70er mit 14 als Jüngster beitrat, als über die Platten, die er damals hörte: Bob Dylan und T. Rex (»Hendrix war mir noch zu sperrig«).
Die berühmte Sprachforscherin Luise F. Pusch erzählt, wie sie 1965 mit 21 Jahren die 13-bändige Suhrkamp-Taschenbuchausgabe von Marcel Prousts »Suche nach der verlorenen Zeit« kaufte, ohne sie zu lesen. »Sie hat sämtliche Umzüge überstanden und sie sieht mich beim Schreiben vorwurfsvoll aus meinem Bücherregal an.« Erst mit fast 80 Jahren lud sie sich das Original für 1,99 Euro auf ihren Kindle und stellte fest, »dass das Werk nicht nur lang, sondern langatmig ist und also von der Liste der Bücher, die ich unbedingt noch lesen will, gestrichen werden kann«.
Puschs Beitrag ist einer der interessantesten, weil auch persönlichsten Texte in diesem Sammelband. Sie berichtet von ihrem »gänzlich autodidaktischen Studium des Feminismus«, weil es an der Universität »keinerlei Angebote zu diesem neuen Wissensgebiet« gab. Bezeichnenderweise war in den ersten 100 Büchern der Reihe »rororo-Monographien« nur eine Frau vertreten: Colette. In den nächsten 100 Büchern verdoppelte sich der weibliche Anteil, mit Büchern über Annette von Droste Hülshoff und Rosa Luxemburg. Als wären unter den Genies der Welt »nur ein Prozent Frauen, oder vielleicht zwei«, wie Pusch kommentiert. In den großen Verlagen kam die Frauenbewegung erst in den 90er Jahren an.
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Trotzdem schreibt die Lehrerin Birgit Vollrath im Rückblick: »Die Lösung fast aller Probleme: Taschenbücher!« Im linksakademischen Milieu war die »Dialektik der Aufklärung« von Horkheimer und Adorno sehr beliebt, es sei denn, man konnte damit nichts anfangen: »Als Fabrikantensohn irritierte mich die weltfremde Kapitalismuskritik meiner Kommilitonen«, erinnert sich der Historiker Christof Dipper.
Demgegenüber stellt die Schriftstellerin Ulrike Draesner fest: »Armut und Nichtbildung bedeuten Gedächtnislosigkeit.« Für sie standen Bücher in der Bibliothek, »dort blieben« sie auch, weil sie für sie auch als Taschenbücher zu teuer waren. Die Journalistin Sabine Vogel kaufte sich als Jugendliche jeden Monat eins von ihrem Taschengeld »auf gut Glück, die von Suhrkamp waren immer gut. Und schick, wie später dann die Mervebändchen.« Die Wissenshistorikerin Anke te Heesen preist das »kaskadische Lesen«, weil sich »hinter einem Buch das nächste verbirgt«.
Und was hat man davon? Es kann passieren, dass man in einem Buch fast alles unterstreicht, weil es einem so wichtig vorkommt, für den Medienwissenschaftler Friedrich Balke »eine sehr rudimentäre intellektuelle Operation«. Er formuliert es so: »Der Autor, der nicht schreibt, unterstreicht – und schreibt also doch, wenigstens im Sinne des elementaren Graphismus.« Während Sabine Vogel sich fragt: »Redet man heute überhaupt noch von Dialektik?«
Jörg Döring/Ute Schneider (Hg.): Bildung – Taschenbuch – BRD. Westdeutsche Leser:innen erzählen. Verbrecher-Verlag, 294 S., geb., 29 €.
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