Nach Tagen spärlicher und teils widersprüchlicher Informationen versuchte der Innenausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags am Freitag, ein klareres Bild des Polizeieinsatzes zu erhalten, bei dem eine gehörlose Zwölfjährige in Bochum durch einen Brustdurchschuss lebensgefährlich verletzt worden war[1]. Innenminister Herbert Reul (CDU)[2], Familienministerin Josefine Paul (Grüne) und Oberstaatsanwalt Benjamin Kluck trugen Sachstände vor – und offenbarten zugleich: Die Eskalation in der Nacht zum 17. November[3] war der Endpunkt eines stundenlangen polizeilichen Vorgehens, in dem vorhandene Kommunikationswege kaum genutzt wurden.
Neu war vor allem der minutiöse Zeitablauf. Die Wohngruppe des Mädchens in Münster meldete demnach die Zwölfjährige am frühen Sonntagnachmittag als vermisst, stand aber in Kontakt mit der Mutter – diese bestätigte, dass das Kind bei ihr sei, wie Ministerin Paul im Ausschuss schilderte.
Mehrfach fuhr die Polizei zur Wohnung, klingelte, klopfte – ohne Erfolg. Intern hatte die Wohngruppe sogar eine Rückkehrzeit von 21 Uhr akzeptiert. Erst als das Kind nicht erschien und die Mutter später selbst meldete, es sei »abgängig«, sah die Polizei Bochum akuten Handlungsbedarf. Die Dringlichkeit der bisher öffentlich vorgetragenen Wichtigkeit einer Insulinmedikation blieb auch im Ausschuss umstritten.
Reul betonte, die Lage sei »zunächst nicht angespannt« gewesen. Dennoch zog die Polizei im Verlauf des Abends weder Gebärdendolmetscher*innen noch das Jugendamt oder Bezugspersonen aus der spezialisierten Wohngruppe hinzu – obwohl alle informiert waren. Stattdessen entschied man sich spät in der Nacht, erneut in voller Stärke zur Wohnung zu fahren und einen Schlüsseldienst zu rufen. Abgeordnete stellten nun die Frage, warum – wenn akute medizinische Gefahr bestanden haben soll – nicht Feuerwehr oder Rettungsdienst die Tür öffneten. Darauf gab es im Ausschuss keine Antworten.
Für die Eskalation ab etwa ein Uhr morgens am 17. November legte Oberstaatsanwalt Kluck im Innenausschuss die bisher detaillierteste Behördenversion vor. Vier uniformierte Polizisten, alle mit Bodycams ausgerüstet, die sie jedoch nicht aktivierten, standen vor der Tür. Die Mutter habe geöffnet, sei »emotional aufgebracht« gewesen und nach einem Gerangel auf dem Treppenabsatz fixiert worden. Die Kinder – die Zwölfjährige und ihr volljähriger Bruder – hätten sich in die Küche zurückgezogen.
Nach Schilderungen von Kluck hatten die Beamten dann das »Aufziehen einer Schublade« und ein »Geklapper« gehört, das sie als »Messerkramen« deuteten. Sie zogen sich aus der Wohnung zurück, positionierten sich im Treppenhaus: zwei mit gezogener Pistole, einer mit auf die Tür gerichtetem Taser. Als die Zwölfjährige mit zwei Küchenmessern im Türrahmen erschienen sei, habe einer der Beamten einen Schuss abgegeben, nahezu zeitgleich sei der Taser ausgelöst worden. Die Distanz habe da rund zwei Meter betragen.
Die Familie, vertreten durch Rechtsanwalt Simón Barrera González, widerspricht mittlerweile öffentlich in fast jedem Punkt dieser Darstellung. Die Zwölfjährige sei nicht »auf die Polizei zugelaufen«, sondern »erschrocken und orientierungslos« gewesen, so González nach der Sitzung gegenüber anwesenden Journalist*innen. Auch wenn er nicht offiziell eingeladen wurde, so ist er am Freitag nach Düsseldorf gekommen, um der politischen Ebene seines Mandats Rechnung zu tragen. Der Stress sei durch die Polizei entstanden, nicht durch das Kind, das wiederholt er immer wieder.
Auch eine weitere Frage bleibt offen: In den vergangenen Tagen hatte González öffentlich erklärt, die Polizei habe zum Durchsetzen ihres Einsatzzweckes den Strom abgeschaltet. Reul erklärte dazu heute, dies könne er »nicht bestätigen«.
Die größte Lücke im Behördenbild benannte Oberstaatsanwalt Kluck selbst im Innenausschuss: Die beschuldigten Polizisten schweigen. Mutter und Bruder sind nach Aussage des Anwalts bis heute nicht umfassend vernommen worden – während Polizei und Staatsanwaltschaft bereits am Morgen nach dem Einsatz öffentlich von einem »Messerangriff« einer »bewaffneten Zwölfjährigen« gesprochen hatten.
Nach der Sitzung trat Reul kurz vor die Presse: Viele Fragen seien offen, man müsse die Ermittlungen abwarten. Er plädiert für Geduld und den Verzicht auf »Schnellschüsse«. Minuten später widersprach González nahezu jedem seiner Punkte. Er ist genau für diesen Moment gekommen – um sich für seine junge Mandantin vor die Kameras zu stellen. Die Ermittlungen seien »verzerrt angelaufen«; die Behördenkommunikation habe die Familie in eine Lage gebracht, »in der Schweigen nicht mehr möglich war«. Sein offensives Auftreten sei keine Strategie, sondern »Notwehr im Sinne der Mandantin«, solange zentrale Fakten ungeklärt, unabhängige Zeugen ungehört und Persönlichkeitsrechte verletzt blieben.
González spricht von einer »kommunikativen Nötigungssituation«. Die Familie habe eigentlich aus Schutzgründen schweigen wollen, sei aber gezwungen worden, öffentlich Stellung zu nehmen, weil Polizei und Staatsanwaltschaft mit ihren frühen Aussagen »das Narrativ geprägt« hätten. Die Darstellung der Zwölfjährigen sei dadurch bereits »in Richtung Täterin verschoben« worden.