Die USA machen nicht mit beim diesjährigen Welt-Aids-Tag. Das US-Außenministerium verfügte, dass weder Mitarbeitende noch Organisationen, die Bundesmittel erhalten, diese für den Tag verwenden dürfen. Zudem soll sämtliche Kommunikation zu Gedenktagen dieser Art unterlassen werden, so schon eine frühere, umfassendere Richtlinie.
Das kommt wenig überraschend und passt zu den Kürzungen am Jahresanfang. Die Vereinigten Staaten, zuvor weltweit größter Geber im Kampf gegen HIV und Aids, zogen sich weitgehend aus diesen Aktivitäten zurück. So wurde die Entwicklungshilfeagentur USAID aufgelöst. Das schlechte Beispiel blieb nicht ohne Wirkung: unter anderem die EU folgte.
Auch Deutschland kürzte, unter anderem seine Zahlungen zum Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria. Für diese internationale Organisation hatten die USA bisher die höchsten Beiträge geleistet. Insgesamt mobilisiert und investiert der Fonds jährlich bis zu fünf Milliarden US-Dollar zur Eindämmung der tödlichsten Infektionskrankheiten. Deutschland hatte im Oktober zwar eine Milliarde Euro zugesagt, das sind aber 300 Millionen Euro weniger als im letzten Finanzierungszyklus, der jeweils drei Jahre umfasst. Anfang November sicherte Großbritannien ebenfalls einen um 15 Prozent gekürzten Beitrag von jetzt umgerechnet 1,14 Milliarden Dollar zu.
Global sind von den Mittelkürzungen vor allem Frauen, Wanderarbeiter, Sexarbeitende und queere Personen betroffen.
Das schwindende Bewusstsein für die Notwendigkeit von Therapie und Prävention bei vielen westlichen Regierungen (bis hin zur aktiven Unterdrückung von Informationen zum Thema) wird Folgen für Organisationen in diesem Feld haben. Die diesjährige Gemeinschaftskampagne zum Welt-Aids-Tages trägt die Botschaft »Gemeinsam. Gerade jetzt.« Der Appell ist bitter nötig, denn weltweit leben etwa 41 Millionen Menschen mit HIV. Aber zwei Drittel aller HIV-Therapien hängen oder besser hingen von den USA ab.
Bei den Kürzungen in den USA kam auch das Pepfar-Programm unter die Räder[1]. Dieses Notfallprogramm förderte unter anderem die HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP)[2]. Die Methode soll gefährdete Menschen, die noch HIV-negativ sind, medikamentös vor einer Ansteckung schützen, ob nun regelmäßig oder anlassbezogen. Bis zu 3,5 Millionen Menschen weltweit könnten laut dem Fachmagazin »Lancet HIV« den Zugang zu dieser Form von Prävention verlieren. In der Folge, so sagen Experten, sei ein sprunghafter Anstieg von Neuinfektionen zu erwarten, weltweit zusätzlich bis zu zehn Millionen. Zudem sei mit drei Millionen zusätzlichen Todesfällen zu rechnen.
Das UN-Kinderhilfswerk Unicef warnte vor einer ähnlichen Dimension von Rückschlägen bei Kindern[3]. Nach einem Szenario können sich bei Kürzung laufender Programme um die Hälfte zusätzlich 1,1 Millionen Kinder infizieren und 820 000 an Aids-Folgen sterben. Im günstigsten Fall würden jedoch 410 000 HIV-Infektionen und 520 000 Todesfälle verhindert.
Auch Forschungseinrichtungen, beispielsweise in Südafrika, sind von den Kürzungen betroffen, was den wissenschaftlichen Fortschritt im Kampf gegen HIV gefährden könne. Zu den aktuellen Kürzungen kommt hinzu, dass etliche Länder in Zentralasien und Osteuropa eher Risikogruppen kriminalisieren und vom Gesundheitswesen ausschließen als sie zu versorgen. In der Region ist die Zahl der jährlichen HIV-assoziierten Todesfälle bereits um 34 Prozent gegenüber 2010 gestiegen. Insgesamt sind global vor allem ökonomisch schwache Menschen am stärksten von HIV betroffen, und damit auch von den Mittelkürzungen: Frauen, Wanderarbeiter, Sexarbeitende und queere Personen.
Während in Deutschland die nun anstehenden Kürzungen internationaler Mittel keine direkte Wirkung haben dürften, steigen hier dennoch die Ansteckungen wieder, zwar in geringem Maße, aber schon seit einigen Jahren. Laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) haben sich 2024 ingesamt 2300 Menschen neu mit HIV angesteckt, 200 mehr als im Vorjahr. Mit dieser Entwicklung kann das UNAIDS-Ziel, die Epidemie bis 2030 zu beenden auch hierzulande kaum erreicht werden. Die Zielstellung wird über folgende Regel definiert: 95 Prozent der Infizierten sollten ihren Status kennen, von diesen wiederum 95 Prozent eine wirksame antiretrovirale Therapie erhalten und am Ende sollte bei 95 Prozent der Therapierten HIV nicht sexuell übertragbar sein.
In Deutschland werden laut RKI-Bericht aktuell ein Drittel aller Neudiagnosen erst dann gestellt, wenn die Krankheit schon fortgeschritten ist. Die Dunkelziffer wird vom RKI auf acht Prozent aller HIV-Infizierten geschätzt[4]. Insgesamt sind hier 100 000 Menschen mit HIV infiziert. Dank langjähriger Anstrengungen erhalten fast alle Medikamente und können ein relativ normales Leben führen, wenn auch nicht völlig diskriminierungsfrei. Wenn sich das HIV-Virus jedoch global wieder stärker ausbreitet, wird auch das deutsche Gesundheitswesen damit belastet, warnen Experten unter anderem von der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft schon jetzt.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195845.welt-aids-tag-hiv-kuerzungen-waeren-verheerend.html