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Nach der Bahn jetzt Lufthansa?

Fachgewerkschaft UFO will beim Kabinenpersonal ohne ver.di verhandeln / Joachim Müller ist Mitglied im UFO-Vorstand und dort Leiter der Bereiche Tarifpolitik, Recht und Verwaltung

ND: Warum verhandeln die UFO (Unabhängige Flugbegleiter Organisation) und ver.di im derzeitigen Tarifkonflikt bei der Lufthansa nicht gemeinsam?
Müller: Die UFO befindet sich noch in der Friedenspflicht, da unser Vergütungstarifvertrag bis Ende 2008 läuft. Schon rechtlich könnten wir daher nicht streiken. Dies geht auf das Verschulden der Arbeitgeberseite zurück, die mit ver.di einen Tarifvertrag mit einer anderen Laufzeit abgeschlossen hatte und nun entgegen ersten Zusagen nicht bereit war, unseren Vergütungstarifvertrag zu verkürzen. Man hatte wohl Angst vor der großen Macht der UFO im Streikfalle.

Wir würden uns im Übrigen aber auch nicht an den ver.di-Streiks beteiligen, weil uns deren Forderung nach 9,8 Prozent mehr Lohn nicht hoch gut genug ist. Wir wollen bekanntlich 15 Prozent Einkommenszuwachs, der mit den ver.di-Maßnahmen nicht erreicht werden kann.

Die Ausbildung von Fachgewerkschaften wie der UFO macht Schule. Bei der Bahn war letztes Jahr in diesem Zuge ein Dauertarifkonflikt zu beobachten, der auch die Belegschaft spaltete. Kommt das jetzt auch bei der Lufthansa?
Bei der Lufthansa ist die Situation wesentlich unkomplizierter als bei der Bahn. Die UFO ist als Fachgewerkschaft im Kabinenbereich vom Arbeitgeber schon länger anerkannt, weil wir dort die dominierende Gewerkschaft sind. Anders als bei der Lokführergewerkschaft GDL sind unsere Mitarbeiter in der Kabine nicht so stark auf verschiedene Gewerkschaften verteilt. Mehr als die Hälfte der Kollegen ist Mitglied bei UFO, der Rest ist so gut wie nicht organisiert.

Wäre eine Zusammenarbeit mit ver.di dennoch prinzipiell vorstellbar?
Wir denken, dass wir die Interessen der Flugbegleiter besser allein durchsetzen können. Ver.di ist darüber hinaus nicht an einer Zusammenarbeit mit uns interessiert – im Gegenteil, man würde uns lieber wieder in die eigenen Reihen integrieren. In einem langwierigen Gerichtsprozess hat ver.di in der Vergangenheit versucht, uns den Status als tariffähige Gewerkschaft abzuerkennen, weil wir angeblich nicht genug Mitglieder haben. Auf der anderen Seite hat sich ver.di bis zur letzten Instanz geweigert, eigene Zahlen über Mitglieder beim Kabinenpersonal vorzutragen. Ich finde, das spricht Bände. Am Ende hat ver.di den Prozess verloren. Wir erwarten von ver.di, dass sie ihren Vertretungsanspruch für das Kabinenpersonal aufgibt, da sie dort nicht genügend Mitglieder hat.

Welche Perspektiven sehen Sie für den Wandel in der Tariflandschaft und welche Funktion haben die Großgewerkschaften darin noch?
Der Trend zu Spezialgewerkschaften wird zu mehr gewerkschaftlicher und Tarifkonkurrenz führen. Die Arbeitgeber müssen umdenken und lernen, damit umzugehen. Dass dies möglich ist und funktioniert, zeigen die Bahn, der Krankenhausbereich oder eben die Lufthansa, wo die Arbeitgeber seit Jahren Erfahrung im Umgang mit den Spezialgewerkschaften für die Piloten und das Kabinenpersonal haben.

Ich denke, dass sich die großen Gewerkschaften nicht gegen diesen Trend stemmen können. Sie müssen sich stattdessen auf Bereiche konzentrieren, wo sie noch stark sind und versuchen, dort tätig zu werden. Und nicht, wie es ver.di macht, überall mitzureden und im Aktionismus zu verharren. Man hatte, wenn man in den letzten Monaten die Zeitung las, den Eindruck, dass ver.di überall mal streikt – erst bei den Banken, dann bei Siemens. Ich halte das nicht für sinnvoll. Das sind Strohfeuer, von denen Mitglieder und Beschäftigte nichts haben.

Fragen: Ina Beyer

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