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Die stählerne Krise

ArcelorMittal wird zum Risiko für Rumänien / Angst um die Arbeitsplätze

  • Von Denis Meraru, Bukarest
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Zeiten des unaufhaltsamen Aufschwungs der rumänischen Stahlproduktion sind vorüber. Stahlgigant ArcelorMittal musste Werke schließen und Arbeitnehmer entlassen. Der Einbruch belastet die gesamte rumänische Volkswirtschaft.

Von der Euphorie zur Agonie. So kann man die Entwicklung in der rumänischen Stahlindustrie seit Oktober 2008 beschreiben. In den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres waren hunderte von Millionen Euro Gewinne gemacht worden. Jetzt gibt es Massenentlassungen, Kurzarbeit, freiwillige Kündigungen und zeitweise Werksschließungen. Der drastische Einbruch bei den Fabriken des Stahlgiganten ArcelorMittal kann die rumänische Volkswirtschaft ernsthaft schädigen und das Bruttoinlandsprodukt um mindestens ein Prozent sinken lassen.

2008 hat ArcelorMittal Romania 1,3 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beigetragen. Das Unternehmen war damit Rumäniens größter Exporteur, mit einem Anteil von 3,8 Prozent an den Ausfuhren. Die jüngsten vom ArcelorMittal-Management dem Wirtschaftsministerium übergebenen Zahlen weisen einen Rückgang der Stahlproduktion um 50 Prozent aus. Gewerkschaftsvertreter beziffern den Schwund sogar auf zwei Drittel. Rumänien produziert in normalen Jahren sechs Millionen Tonnen Stahl, wovon vier Millionen auf ArcelorMittal entfallen.

Das Ausbleiben von Aufträgen hat den Stahlriesen gezwungen, mehrere Produktionsstätten zu schließen. Darunter ist auch das Hochofenwerk von Romania mit drei Koksofen-Batterien. Zuvor hatte das Stahlwerk im ostrumänischen Galati Produktionsanlagen stillegen müssen.

Rund 4000 Arbeiter protestieren seit Tagen gegen die Maßnahmen des Managements von ArcelorMittal. Sie befürchten die Schließung des Werks zum Herbst. Der Gewerkschaftssprecher des Hochofenwerks Romania, Ioan Macovei, sagte, die Entscheidung zur Schließung sei in London gefallen. 364 der 1500 Beschäftigten hätten das Angebot zum freiwilligen Ausscheiden mit Abfindung angenommen. 263 der Anträge seien akzeptiert. Das Abfindungsangebot der Firma liegt mit einem Festbetrag über dem vom Betriebsrat geforderten. Geboten werden je nach Erfahrung im Werk zwischen 2500 und 6000 Euro.

Seit dem 1. April werden in einem neuartigen Rotationssystem alle 12 600 Mitarbeiter des Konzerns in Rumänien für jeweils zehn Tage freigesetzt. Die Zahl der Angestellten ist im Werk ArcelorMittal Galati seit der Übernahme durch Mittal 2001 um 50 Prozent zurückgegangen. In Verhandlungen mit der Unternehmensführung hat die rumänische Regierung versucht, ArcelorMittal von der Hochofenschließung abzuhalten. Anderenfalls müsse das Unternehmen die erhaltenen staatlichen Hilfen von 1,1 Milliarden Dollar zurückbezahlen, die beim Kauf in Form von Steuerbefreiungen gewährt worden waren.

Das ArcelorMittal-Stahlwerk in Galati ist das größte im Land. Es hat im vergangenen Jahr 154 Millionen Euro Profit gemacht, knapp 70 Prozent mehr als 2007. Der Umsatz belief sich auf 1,84 Milliarden Euro, knapp unter dem des Vorjahres. ArcelorMittal betreibt außerdem Stahlwerke in Hunedoara in Zentralrumänien, Roman und Iasi im Osten, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Im vergangenen Jahr machten diese drei Werke zusammen einen Umsatz von 490 Millionen Euro. Neben den vier Stahlwerken besitzt die Gruppe noch den Hafenbetreiber Romportmet Galati und eine lokale Einheit der Baufirma ArcelorMittal-Construction.

In Galati gehen derzeit Dutzende von Unternehmen, die für die Stahlwerke zuarbeiten, bankrott oder entlassen Personal. Die Arbeitslosenzahl im Bezirk Galati ist deshalb von 7,5 Prozent im Januar auf inzwischen 8,2 Prozent gewachsen. Rund 18 000 Menschen haben ihren Arbeitsplatz verloren.

Die Entwicklung in Rumänien ist Ausfluss der Weltrezession: Petru Ianc, Generaldirektor im rumänischen Wirtschaftsministerium und zuständig für den Stahlsektor, erklärt: »Der rumänische Eisen- und Stahlsektor ist derzeit im Besitz von großen internationalen Konzern. Darunter sind ArcelorMittal, der weltgrößte Stahlproduzent, Mechel, TMK und Tenaris, einer der drei weltweit größten Röhrenhersteller.« Angesichts der weltweiten Rezession mit fallender Nachfrage nach Stahl habe die EU einen Rückgang der Produktion um 35 Prozent im ersten Quartal 2009 verzeichnet. Die Pläne der österreichischen Voestalpine, am Schwarzen Meer ein Stahlwerk zu bauen, sind bis 2010 oder 2011 zurückgestellt worden.

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