nd-aktuell.de / 28.05.2009 / Brandenburg / Seite 23

Promis im Selbstentblößungsdrang

Im Hebbel am Ufer erleidet der »Planet Porno – Die Finanzkrise«

Volkmar Draeger
Alles Theater auf dem »Planet Porno«
Alles Theater auf dem »Planet Porno«

Er möchte das Bloßstellen bloßstellen, sagte Patrick Wengenroth in einem Interview, und verwende deshalb nur Texte, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Wie eine Echokammer wiederhole er nur, was anderen entschlüpft ist. Diese Anderen sind Promis, ihre Worte werden gehört. Daraus hat Wengenroth, Mitinitiator des Theaterdiscounter, ein Stück gebastelt und setzt darin die Geschlechter verkehrt herum ein. Sein »Planet Porno« lief während des Festivals »100° Berlin«, liegt als Hörspielfassung vor und enterte jetzt die Bühne des Hebbel am Ufer.

Dort – auf der Bühne – sitzen auch die Zuschauer, im selben Boot gewissermaßen wie die Akteure. Die aktuelle Ausgabe jenes »Planet Porno« heißt »Die Finanzkrise« und collagiert in bunter Mischung, was wer wann dazu geäußert hat oder was zumindest thematisch passt. Eingebunden ist das auf rotem Teppich in die Atmosphäre einer Live-Fernsehsendung. Anne Will empfängt zu scharfem Talk im Opelwerk Rüsselsheim die Kanzlerin. Zuvor hat Brecht aus »Der gute Mensch von Sezuan« vom Wasserverkäufer Wang gelesen: Gibt’s viel Wasser, verdient er nix, gibt’s wenig, kann sich’s keiner leisten.

Um den Job von 28 000 Opelanern dreht sich fortan alles. Der Kolumnist des führenden Boulevardblatts wird mit lyrischen Ergüssen zitiert, Grönemeyer singt, es gehe uns noch gut. Die Krise ist da, und ich bin die Kanzlerin, outet sich Angela Merkel in Gestalt eines großen Dicken, den nichts aus der Ruhe seines Schön- und Leerredens bringt. Da passt Otto Reutters Couplet vom Überzieher, der da oder weg ist. Will nervt Merkels Teflon-Strategie: alles an sich abtropfen lassen. Den Leuten später werde schon einfallen, welches Profil sie heute habe, kontert die Kanzlerin. Und gerät in ein erstes Gespräch mit einer Opelaner-Familie, Mutter, Vater, Sohn. Norddeutsch plattelt die Mutter, gibt sich schon ganz als Politikerin: Sie redet, ohne etwas zu sagen, ob vor Anspannung oder weil ihr aus Angst nichts einfällt.

Derweil plappert eine Biotonne mit ihrem gelben Deckel, der als Sänger Gunter Gabriel entsteigt. Ich finde noch statt, trägt er bei, gibt sich provokativ und singt über jenen, der vom Boss mehr Geld fordert. Das ist lau, voller Allgemeinplätze, schmerzarm. Die Familie agiert im Background mit. Nach dem Vater ereifert sich der Sohn – mehr als 20 Jahre im Werk – geht Frau Merkel an. »Komm und rette mich« kniet er singend vor ihr, Howard Carpendale fügt »Yes, we can« an, der Kolumnist umkreist mit besonderer Aufmerksamkeit das Thema Schwarz.

Tiefer unter die Gürtellinie als Mario Barth kann man kaum mehr zielen, und das quittieren die Zuschauer im HAU mit Schweigen. Wolfgang Joop redet balsamisch über die Krise des Herzens und interpretiert die Welt aus der Sicht des Modekünstlers, der visionär schon in einer früheren Kollektion zerschnittene Kleider vorstellte; Josef Ackermann plädiert für Leistungsgerechtigkeit, will seiner Bank weiter dienen und etwas für Deutschland tun. »Es ist alles nur geliehn« nimmt Joop eine Anleihe beim gemütlichen Wirt vom »Blauen Bock«.

Treffender ist Hazy Osterwalds »Gehn Sie mit der Konjunktur« aus den 1960ern. Dass am Ende alle Fragen offen bleiben, weiß nochmals Brecht. Da fühlt man sich wirr wie nach einer echten Talkshow: Viel gelacht, aber wenig erfahren.

Wieder 28., 30.5., 19.30 Uhr, HAU 1, Stresemannstr. 29, Kreuzberg, Kartentelefon 259 00 40, Infos unter www.hebbel-am-ufer.de[1]

Links:

  1. http://www.hebbel-am-ufer.de