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Implosion

Simons Geheimnis von Atom Egoyan

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 2 Min.

Eine Französischlehrerin im englischsprachigen Teil Kanadas liest ihrer Klasse einen Text vor, den die Schüler simultan übersetzen sollen: eine Zeitungsreportage über den – wahren – Fall eines Libanesen, der im Jahr 1986 seiner schwangeren irischen Freundin eine Bombe in ihr Reisegepäck auf dem Flug von London nach Israel schmuggelte.

Für die Lehrerin hat der Bericht eine besondere Resonanz: sie ist Libanonflüchtling und hat im Bürgerkrieg ihre Familie verloren, als Bomben alltägliche Realität waren. Einer ihrer Schüler reagiert zu ihrer Verblüffung ebenfalls emotional: Simons Großvater versicherte ihm auf dem Totenbett, seine Tochter, Simons Mutter, sei Opfer eines Anschlags auf ihr Leben geworden – durch Simons muslimischen Vater.

An Stelle einer schlichten Übersetzung liefert Simon eine Ich-Erzählung ab und baut sie, von der Lehrerin dazu angeregt, zu einem dramatischen Vortrag aus, der sich als Beichte darstellt: mein Vater, der meine Mutter und mich und 400 weitere Passagiere beinahe noch vor meiner Geburt in die Luft gesprengt hätte. Eine Behauptung, die sich als sozialer Sprengstoff erweist. Sobald sie via Internet-Chat die große Außenwelt erreicht, löst sie verständnisvolle bis verstörte Reaktionen in Simons näherer Chat-Umgebung aus – die vielfachen Stimmen des Internets haben hier längst den engeren Rahmen des Klassenzimmers als Diskussionsforum abgelöst. Dann immer weitere Kreise ziehend wird sie zum Katalysator öffentlich geäußerter Vorurteile, die die realen Beinahe-Opfer der realen verhinderten Katastrophe ebenso auf den Plan rufen wie Holocaust-Leugner, Möchtegern-Märtyrer und wild spekulierende Terrorismus-Theoretiker.

Die Familie als Dampfdrucktopf, der irgendwann durch seine eigenen Geheimnissen explodiert, ist ein häufiges Thema des kanadischen Filmemachers und Multimediakünstlers Atom Egoyan. Segregation, Vertreibung und religiöse Intoleranz sind für ihn und seine Frau und Hauptdarstellerin Arsinée Khanjian schon dank ihres eigenen christlich-armenischen Vertreibungshintergrunds eine stets drängend aktuelle Frage. In »Simons Geheimnis« spielt Khanjian die Lehrerin, die ihr eigenes Geheimnis mitbringt, und so zum Katalysator wird für die Implosion von Simons echten oder fiktiven Familiengeheimnissen.

Die Musik von Mychael Danna unterfüttert die emotionale Gratwanderung eines Halbwüchsigen, der mit Verlust und Zweifeln umgehen und am Ende die emotionalen Bindungen an ein weiteres Familienmitglied rückwirkend lösen muss.

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