nd-aktuell.de / 17.07.2009 / Politik / Seite 8

Der Zweifler

Herbert Reul ist neuer Vorsitzender des Europaparlamentsausschusses für Industrie

Fabian Lambeck

Es muss schön sein in Leichlingen, der idyllischen »Blütenstadt an der Wupper«. So schön, dass sich sogar ein einflussreicher CDU-Zirkel nach der Stadt im Bergischen Land benannte. Der liberale »Leichlinger Kreis« gilt als »das wichtigste innerparteiliche Machtinstrument« Angela Merkels, wie der »Stern«-Kolumnist Hans Peter Schütz vor einiger Zeit feststellte. Zu diesem erlauchten Kreis gehören etwa CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla, der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion Norbert Röttgen oder der Staatsminister im Kanzleramt Hermann Gröhe.

Einen gewaltigen Karrieresprung machte nun der Mitbegründer des »Leichlinger Kreises« Herbert Reul. Der Europaparlamentarier wurde am Donnerstag zum Vorsitzenden des mächtigen Ausschusses für Industrie, Forschung und Energie gewählt. Die Nominierung des Christdemokraten gilt als umstritten, denn in den Zuständigkeitsbereich des Ausschusses fallen auch klimapolitische Entscheidungen. Die europäischen Grünen fürchten nun, dass der neue Ausschussvorsitzende dabei einseitig fossile oder nukleare Energieträger bevorzugen könnte. Denn der Rheinländer bezweifelt, »dass der Mensch wirklich so viel zur Erderwärmung beiträgt, wie allgemein behauptet wird«. Seine Zweifel dürften stetig neue Nahrung finden, schließlich gilt er sogar bei den Redakteuren von Springers »Welt« als »äußerst industriefreundlich«. Seine Freundlichkeit kennt scheinbar keine Grenzen. So kolportierte die »Financial Times Deutschland«, dass Reul während der Verhandlungen über den EU-Binnenmarkt und die Autoabgasregeln diverse Änderungsanträge einbrachte, die aus der Feder von Konzernlobbyisten stammten.

Der Studienrat aus Leichlingen übernahm hier eine Art Scharnierfunktion zwischen Industrie und Politik. Eine solche Funktion scheint auch seinem Abgeordnetenbüro zuzukommen. Von dort wechselten seine Mitarbeiter direkt zu den Stromriesen RWE und EnBW. Beide Konzerne verdanken ihre Traumrenditen dem Kohle- und Atomstrom. Reul ist zufälligerweise auch energiepolitischer Sprecher der CDU/CSU-Gruppe im Europaparlament, und in dieser Funktion hält er die Atomenergie für eine »Zukunftstechnologie«.