nd-aktuell.de / 02.12.2009 / Politik / Seite 7

Tausende Flüchtlinge verlassen Lager in Sri Lanka

Schwierige politische Aussöhnung steht noch bevor

Daniel Kestenholz, Bangkok
Es dauerte ein halbes Jahr, bis die Regierung Sri Lankas grünes Licht für die Heimkehr Zehntausender internierter Kriegsflüchtlinge gab: Seit Dienstag ist den letzten 128 000 Männern, Frauen und Kindern in nordsrilankischen Flüchtlingslagern bei Vavuniya erlaubt, in ihre Heimatdörfer zurückzukehren.

Im Mai schlug die srilankische Regierungsarmee die rebellierenden Befreiungstiger von TamiL Eelam (LTTE) nieder, die 26 Jahre lang für einen eigenen Tamilenstaat im Norden der Insel gekämpft hatten. Über 100 000 Menschen waren dem Konflikt zum Opfer gefallen.

Die Offensive der Armee hatte eine riesige Fluchtwelle ausgelöst. Zeitweilig lebten 280 000 Menschen – überwiegend Tamilen – in streng bewachten Lagern, die von internationalen Menschenrechtsorganisationen und den Vereinten Nationen heftig kritisiert wurden. Die Armee aber hielt vor allem die jungen Tamilen für potenzielle Krieger, die jederzeit wieder zu den Waffen greifen könnten. Generäle warnten vor verscharrten Munitions- und Waffenlagern. In den sechs Monaten nach Kriegsende gab es indes keine einzige Guerillaaktion, und mit dem Einsetzen der Regenzeit im August machten Meldungen von Krankheiten und Seuchen in den erbärmlichen Lagern die Runde.

Jetzt erst verkündete Präsidentenberater Basil Rajapakse, ein Bruder von Präsident Mahinda Rajapakse, die letzten der internierten Flüchtlinge stellten kein Sicherheitsrisiko mehr dar. Die Armee habe Befehl erhalten, die Tore der von Stacheldraht umzäunten Lager bei Vavuniya zu öffnen. Zwar ist wegen Transportproblemen nicht zu erwarten, dass die Flüchtlinge unverzüglich in ihre Dörfer zurückkehren, doch die ersten 6000 sollen am Dienstag bereits aufgebrochen sein. Bis Ende Januar will die Regierung sämtliche Lager aufgelöst und die Wiederansiedlung der tamilischen Zivilbevölkerung abgeschlossen haben. Damit hätte Sri Lanka ein früheres Versprechen gegenüber UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon eingehalten.

Gordon Weiss, Sprecher der Vereinten Nationen in Colombo, nannte die Entwicklung »willkommen«. Auch die EU zeigte sich erleichtert, hatte sie doch bereits Wirtschaftssanktionen angedroht. Sri Lanka sollte nicht mehr in den Genuss von Vorzugszöllen für seine Exporte in die EU kommen.

Druck hatte schließlich auch der ehemalige Oberbefehlshaber General Sarath Fonseka ausgeübt, der Mitte November sein Amt niederlegte und am Sonntag feierlich verkündete, dass er bei den vorgezogenen Präsidentschaftswahlen im Mai Amtsinhaber Mahinda Rajapakse als Kandidat der Opposition herausfordern werde. Ausgerechnet der General, der die Tamilentiger nach jahrzehntelangen Krieg in die Knie zwang, buhlt jetzt um die Sympathien der Tamilen, indem er der Regierung Schlamperei bei der Wiederansiedlung von Kriegsflüchtlingen vorwirft. Überdies nannte er den Präsidenten einen »schäbigen Diktator«, in dessen Händen man das Land »unmöglich« belassen dürfe. Damit dürfte er selbst in der singhalesischen Bevölkerungsmehrheit Anklang finden. Denn die verfolgt mit wachsendem Widerwillen, wie sich der Rajapakse-Clan Schlüsselämter und Ministerien sichert und den Präsidenten auf überlebensgroßen Porträts wie einen Halbgott verehren lässt.