nd-aktuell.de / 10.02.2010 / Politik / Seite 20

Pfusch beim Kölner U-Bahn-Bau

Gestohlene Eisenstangen laut Staaatsanwaltschaft aber nicht Einsturzursache des Stadtarchivs

Knapp ein Jahr nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs hat die Staatsanwaltschaft Pfusch beim Bau der U-Bahn aufgedeckt. Bauarbeiter sollen Eisenstangen gestohlen haben, die für Stützmauern in U-Bahn-Schächten vorgesehen waren. Dies sei aber nicht die Unglücksursache, betonte Oberstaatsanwalt Günther Feld am Dienstag. »Die fehlenden Stahlstücke können nicht zum Einsturz des Stadtarchivs geführt haben, denn der Schadensbereich liegt etwa zehn Meter unter dem Einbaubereich der Stahlstücke.« Bei dem Einsturz waren zwei Anwohner umgekommen. Es entstand ein Schaden von mindestens einer halben Milliarde Euro. Das Stadtarchiv galt als eines der bedeutendsten Europas. Es stand direkt an der U-Bahn-Baustelle.

Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren gegen zwei verantwortliche Mitarbeiter der am U-Bahn-Bau beteiligten Bauunternehmen eingeleitet. Der Vorwurf: Unterschlagung und Betrug. Es gebe Anhaltspunkte dafür, dass auf Weisung des Baustellenleiters nicht die vorgebene Zahl von Stangen eingebaut worden sei. Die eingesparten Eisenbügel sollen die Mitarbeiter an Schrotthändler verkauft haben. Dies gelte auch noch für andere Baugruben. Die Anwohner müssten sich aber keine Sorgen machen: »Die Standsicherheit ist überall geprüft und überall gewährleistet«, versicherte Feld. In seiner Online-Ausgabe berichtete der »Kölner Stadt-Anzeiger« am Dienstag, dass derselbe Polier auch an U-Bahn-Arbeiten in Düsseldorf beteiligt war. Laut dem Blatt hat ein Arbeiter ein Geständnis abgelegt. In eine Außenwand, die das U-Bahn- Bauwerk sichern sollte, seien mindestens ein Drittel weniger Eisenbügel als angegeben eingeflochten worden. »Wenn tatsächlich ein Drittel der Bügel fehlen würde, das wäre schon heftig«, so der Präsident der Ingenieurkammer-Bau NRW, Heinrich Bökamp. Zum Wert der Eisenstangen konnte er nichts sagen: »Aber die werden schon einiges Geld dafür bekommen haben.«

Bereits im Januar hatte die Staatsanwaltschaft einen Betrugsverdacht bei der Abrechnung von Arbeiten beim Bau der U-Bahn bestätigt. Möglicherweise seien auch technische Aufzeichnungen manipuliert worden. Im Rahmen dieser Ermittlungen wurde die Staatsanwaltschaft nun auf den Diebstahl der Eisenstangen aufmerksam.

Was wirklich Ursache des Einsturzes war, weiß die Staatsanwaltschaft nicht. Drei Gutachter untersuchen den Fall zusammen mit weiteren Wissenschaftlern.

»Es gibt zurzeit viele Spekulationen, aber keinerlei belastbare Erkenntnisse«, sagte Feld. »Die können wir auch nicht haben, weil die Schadensstelle noch gar nicht zugänglich ist.« Sie befindet sich tief in der unter Wasser stehenden Baugrube. Immer wieder ist darüber berichtet worden, dass eine löchrige Schlitzwand das Archiv zum Einsturz gebracht haben könnte. dpa