nd-aktuell.de / 20.05.2010 / Kultur / Seite 8

Verbotene Gefühle

Du sollst nicht lieben - von Haim Tabakman

Caroline M. Buck

Fleischereibesitzer Aaron (Zohar Strauss) und der junge Ezri (Ran Danker) sind orthodoxe Juden. Und sie haben eine Affäre. Miteinander. Schwierig wäre das in jedem Fall, denn Aaron ist Familienvater und verheiratet. In der Gesellschaft, in der Aaron und Ezri leben, ist ihre Beziehung undenkbar. Weil nicht sein kann, was die religiöse Doktrin verbietet, geraten die beiden unter Druck. Den passiven Druck durch Aarons Ehefrau Rivka (Tinkerbell). Und den handgreiflichen Druck durch die Männer der Gemeinde. Ein Konformitätsdruck, vor dem auch heterosexuelle Paare nicht gefeit sind, wenn sie andere Partner lieben als die für sie ausgesuchten. Die aber mit ganz anderer Härte trifft, wer nicht nur eigenmächtig liebt, sondern dabei gegen die Doktrin verstößt.

Eine Versuchung, der man widersteht, macht stärker im Glauben. Sagt Aaron, um Gerüchte zu beschwichtigen, die über Ezri, den unbehausten Fremden, im Umlauf sind. Aber will Aaron dieser Versuchung wirklich widerstehen? Will er nicht, oder jedenfalls nicht lange. Und hat den ultimativen Einwand parat, als ihm das zum Vorwurf gemacht wird: »Vorher war ich tot, jetzt lebe ich.« Wie eine Auferstehung, ein zweites Erwachen ist die verbotene Liebschaft, was sie in den Augen der Anderen nur gefährlicher macht. Immer böser werden die Warnungen auf den Wandzeitungen, die der Gemeinde zur Kommunikation dienen, immer unausweichlicher das Ende.

Ezri ist der Katalysator, der Dinge in Bewegung setzt, die Aaron selbst nicht in sich verborgen wusste. Er bringt die Erfahrung mit – die sexuelle, und die des Verlusts des sozialen Umfelds. Wie ernst er die Verantwortung nimmt, die er sich Aaron gegenüber auflädt, bleibt unklar. Für ihn ist es nicht das erste Mal, dass er angefeindet und ausgegrenzt wird. Auch den Liebhaber, um den es ihm eigentlich ging, hat er bereits an die orthodoxe Wohlanständigkeit verloren.

»Du sollst nicht lieben« ist das Langfilmdebüt des israelischen Filmemachers Haim Tabakman. Den Dokumentarfilm zum Thema gab es schon: in »Trembling Before G-d« legten schwule (und lesbische) orthodoxe Paare vor der Kamera von Sandi Simcha DuBowski Zeugnis ab über den Konflikt zwischen religiöser Überzeugung und sexueller Neigung, der sie selbst und ihre Familien spaltet.