nd-aktuell.de / 04.06.2010 / Wissen / Seite 14

Entscheidend ist der Stallgeruch

Jochen Mattern
Karikatur: Christiane Pfohlmann
Karikatur: Christiane Pfohlmann

»Sekundäre Disparitäten« nennt die internationale PISA-Studie 2000 soziale Unterschiede, »die unabhängig von der Kompetenz auftreten«. Es handelt sich hier um eine Form sozialer Ungleichbehandlung, die immer dann auftritt, wenn Bildungsprognosen abgegeben werden müssen. Dass solche Bildungsempfehlungen in einem hohen Maße von sozialer Voreingenommenheit geprägt sind, darüber besteht unter Bildungsforschern Einigkeit. Für Heranwachsende aus der Unterschicht bedeutet das, dass sie trotz gleicher oder höherer Leistung oftmals eine schlechtere Bildungsprognose erhalten als ihre Altersgenossen aus der Mittel- und Oberschicht. Es ist der kulturelle Habitus, der den Ausschlag gibt. Darunter verstehen Soziologen Verhaltensdispositionen, gewisse »feine Unterschiede« im Auftreten und Verhalten von Menschen, die frühzeitig in der Familie erworben werden und an denen man einander ein Leben lang erkennt.

Da die Schule eine Institution der Mittelschicht ist, ist den dort Lehrenden der entprechende Habitus vertrauter als der Habitus der Unterschicht. Einer kürzlich veröffentlichten Sonderauswertung der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) zufolge haben Akademikerkinder bundesweit eine fast dreimal so große Chance, von ihren Grundschullehrern eine Empfehlung für den Besuch des Gymnasiums zu bekommen, als Kinder aus der Mittel- und Unterschicht. Die Koppelung von sozialer Herkunft und Gymnasialchancen ist der Untersuchung zufolge im Saarland, in Sachsen, Hessen, Bayern und in Sachsen-Anhalt besonders groß.

Nichts Neues, könnte man meinen. In Sachsen dürfte das Ergebnis jedoch für große Ernüchterung sorgen. Schließlich rühmt sich das Bundesland, nicht nur Klassenbester in der nationalen PISA-Auswertung 2003 gewesen zu sein, sondern in Sachen Chancengleichheit mit Finnland, Japan, Kanada und Schweden sogar in der internationalen Spitzengruppe zu liegen. Nun findet man sich an vorletzter Stelle wieder.

Der Autor ist wissenschaftlicher Mittarbeiter der Linksfraktion im sächsischen Landtag.