Am Ende des Stranges

  • Ingolf Bossenz
  • Lesedauer: 3 Min.
Der Autor ist Redakteur des ND. Zu seinen Themen gehören unter anderem Religion und Kirchen. ND-
Der Autor ist Redakteur des ND. Zu seinen Themen gehören unter anderem Religion und Kirchen. ND-

»Eine Affinität wirklichen Christentums zum Kapitalismus würde ich schlechtweg leugnen.« Eine solche Aussage, wie sie 1977 der lutherische Theologe Ernst Käsemann (1906-1998) im »Spiegel« machte, ist längst nicht mehr salonfähig. Das weich gespülte Vokabular, mit dem sich viele Prälaten heute eine Aura kritischen Geistes zu geben suchen, übersteigt in seiner Radikalität selten die »Vergötzung des Geldes« oder die »Investmentbanker als Tänzer um das Goldene Kalb«. Wendungen, die sogar der Berliner Altbischof Wolfgang Huber dieser Tage strapazierte, von dem der Kapitalismus nun weiß Gott nichts zu befürchten hat.

Von ähnlich kuscheligem Kaliber dürfte ein Treffen gewesen sein, das Anfang der Woche in Brüssel stattfand. Die Präsidenten der EU-Kommission, des Europäischen Rates und des Parlaments der Union kamen mit rund 20 Vertretern von Kirchen und Religionsgemeinschaften zusammen, um eine gemeinsame Strategie gegen Armut und soziale Ausgrenzung zu entwickeln, wie vor der Tagung gemeldet wurde. Immerhin haben laut Informationen des Sozialverbandes VdK 17 Prozent der Europäer nicht genügend Mittel, um sich ihre grundlegendsten Bedürfnisse zu erfüllen. Dabei sind Kinder noch mehr gefährdet als Erwachsene. Etwa 19 Millionen Kinder (19 Prozent) sind von Armut bedroht. Fast 80 Millionen EU-Bürger (16 Prozent) leben unter der Armutsgrenze.

Von einer gemeinsamen Strategie war nach dem Treffen in Brüssel erwartungsgemäß nicht mehr die Rede. Dennoch waren alle zufrieden. Die Kirchen und Religionsgemeinschaften, weil sie eine weitere öffentlichkeitswirksame Aufwertung erfahren hatten, die Eurokraten, weil ihnen nun keiner vorwerfen kann, man hätte nicht mal wieder darüber geredet. Über die Armut. Aus dieser nämlich will die EU in den kommenden zehn Jahren mindestens 20 Millionen Europäer holen. Die in den EU-Staaten exekutierten Sparpakete, die weitere Millionen in den Stand von Almosenempfängern setzen, haben bei der Beratung offenbar keine Rolle gespielt. Dazu müssten auch weder Christen noch Muslime, weder Juden noch Orthodoxe, weder Hindus noch Sikhs nach Brüssel reisen. Denn Sozialabbau wird ganz konkret dort betrieben, wo die europäische Heimat der jeweiligen Glaubensbotschafter ist. »Hic Rhodos, hic salta!« (Hier ist Rhodos, hier springe!), heißt es in einer Fabel von Äsop.

Doch es wird nicht gesprungen. Warum auch? Und vor allem: Wohin? Schließlich würdigte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso ausdrücklich die von Kirchen und Religionsgemeinschaften geleisteten »wichtigen sozialen Dienste«. Im Klartext: die Verwaltung der Armut. Dieses Refugium wird, bei aller angeblichen und tatsächlichen Reduktion des Religiösen, den Kirchen auch künftig bleiben. Sogar im »gottlosen« Europa. Man fühlt sich an die Worte des Heiligen Laurentius erinnert: »Die Armen sind der Schatz der Kirche.« Dass dieser Schatz über 1700 Jahre später weiter existent ist und auch in Krisenzeiten nicht angetastet wird (im Gegenteil), stimmt wenig hoffnungsvoll.

Vielleicht hat wirkliches Christentum ja tatsächlich keine Affinität zum Kapitalismus, wie Käsemann meinte. Doch welcher Prälat spricht so etwas heute noch offen aus? Da reiht man sich doch lieber ein in eine wohlklingende »europaweite Offensive gegen Armut und soziale Ausgrenzung«. Zumal bei so viel Einmütigkeit wie in Brüssel. Auf den Punkt brachte es dort der Präsident der Konferenz Europäischer Kirchen, Metropolit Emmanuel von Frankreich: »Beim Kampf gegen Armut ziehen wir alle an einem Strang.« Fragt sich, wie das jenen bekommt, die am anderen Ende sind. Des Stranges.

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