In meinen Träumen kehren die schrecklichen Bilder immer wieder. Dann sehe ich die toten Zivilisten in dem österreichischen Dorf Altlichtenwarth. Ich sehe den Kameraden, den wir »Enterits« nannten und der etwas rechthaberisch gewesen war. Und der dann von einer Granate zerfetzt und besudelt mit Obstkompott unter Dutzenden kaputter Einweckgläser lag, die wir zuvor im Keller eines Bauernhauses gefunden hatten. Oder ich sehe das Bild eines sowjetischen Soldaten, der mit geweiteten Augen auf mich zusprang, mir sein entsichertes Gewehr an den Kopf hielt und mir irgendetwas in russischer Sprache entgegenschrie, das ich damals nicht verstand. Schwer verletzt lag ich in einem Lazarettzug. Der Krieg war bereits vorbei. Nie wieder in meinem Leben hatte ich eine solche Todesangst wie in jenem Moment.
Solche Bilder sind sehr privat und schwer vermittelbar. Sie waren in meinem Kopf verschlossen, unsichtbar für meine Umgebung. Als alter Mensch hat man sehr viel Zeit und beschäftigt sich mehr mit der eigenen Vergangenheit. Endlich hatte ich das Bedürfnis, meine Geschichte, die Geschichte eines Kindersoldaten und später die eines jugendlichen Kriegsgefangenen, der Nachwelt mitzuteilen ...
Hunderttausende Kindersoldaten – UNICEF, Terre des hommes und Amnesty International bezeichnen damit »alle Kämpfer und deren Helfer, die unter 18 Jahre alt sind« – werden heute in Kriegen in Zentral- oder Westafrika verheizt. Auch wenn die Situation mit der Unsrigen damals nicht vergleichbar ist, so ist uns allen gemein, dass wir um unsere Kindheit, die wichtigste und prägendste Zeit des Lebens, betrogen wurden.
Aus dem Vorwort von Günter Lucks zu seinem Erinnerungsbuch »Ich war Hitlers letztes Aufgebot. Meine Erlebnisse als SS-Kindersoldat« (Rowohlt Reinbek, 303 S., br., 9,95 €).
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/183863.leseprobe.html