Werbung

Bankrott des Mikrokapitalismus

Derzeit gilt die Krise des internationalen Finanzsystems ebenso als bewältigt wie der Einbruch der Weltkonjunktur, obwohl sich das Problem nur auf die Staatsfinanzen verlagert hat. Ganz nebenbei kommt aber in den letzten Wochen schon wieder ein vermeintliches Erfolgsmodell des Defizit-Kapitalismus ins Gerede. Der Mikrokredit, das Vorzeigeprojekt in globalen Armutszonen und in vielen sogenannten Schwellenländern, galt nicht nur als krisenresistent, sondern auch als Beweis für die Urkraft marktwirtschaftlichen Denkens. Im Zeichen neoliberaler »Selbstverantwortung« sollten vor allem arme Frauen mit Hilfe winziger Kredite von umgerechnet 100 bis 500 Euro zu Kleinunternehmerinnen im Dienstleistungssektor mutieren, die ihr kapitalistisches Schicksal in die eigenen Hände nehmen könnten.

Muhammad Yunus aus Bangladesch, der Erfinder des Modells, erhielt dafür 2006 bezeichnenderweise nicht den Wirtschafts-, sondern den Friedensnobelpreis. Die Begeisterung der Eliten war groß, denn die Idee schien mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und eine streng marktwirtschaftliche Armutsbekämpfung mit ebenso streng marktwirtschaftlicher Emanzipation der Frauen zu verbinden – also eine gänzlich systemkonforme soziale Befriedung anzuleiern. Die Spendengelder philanthropischer Kapitalisten flossen reichlich.

Ausgehend von Bangladesch und Indien entstand so innerhalb kurzer Zeit ein milliardenschwerer neuer Finanzmarkt für vorwiegend »weibliche« Mikrokredite in Asien, Afrika und Lateinamerika. Asiatische Großbanken, aber auch Finanzinstitute wie die Deutsche Bank kreierten einschlägige Investmentgesellschaften.

Im Zuge dieser Ausdehnung sind die ersten Mikrobanken inzwischen an die Börse gegangen. Aus ethischer Image-Pflege wurde ein knallhartes Geschäft. Kleinvieh macht eben auch Mist. Offiziell gehen die Mikrokredite meist an Selbsthilfegruppen von Frauen und deren Geschäftsprojekte. Aber für die Mikro-Verschuldung gilt dasselbe wie für Großkredite: Sie ist ein Vorgriff auf zukünftige reale Einnahmen und muss »bedient«, also verzinst und getilgt werden.

Das weibliche Kleinunternehmertum hängt jedoch am seidenen Faden. Schon die Krankheit eines Familienmitglieds oder eine der immer häufigeren Überschwemmungen im Gefolge des kapitalistisch verursachten Klimawandels können dazu führen, dass der Mikrokredit in marktwirtschaftlich »unproduktiven« Kosten verschwindet. Mit der explosiven Expansion der Mikrokreditmärkte wurden die geförderten Kleinstunternehmen immer illusorischer. Es ging nur noch darum, beim Wachstum um jeden Preis dabei zu sein. In Indien waren die Selbsthilfegruppen zunehmend nur noch formale Hüllen, während das Geld für den schlichten Kauf von Lebensmitteln draufging.

Nach der Krise der Finanzmärkte ist nun die Krise der Mikrokredite fällig. Dabei geht es jedoch wesentlich brutaler zu als in den Hallen der Hochfinanz. Umschuldungen bei den Mikrobanken erhöhen die wöchentliche Zinslast. Viele Frauen werden zur Prostitution gedrängt, um zahlungsfähig zu bleiben. In Indien häufen sich die Selbstmorde von Schuldnerinnen, die Kreditraten von 5 oder 6 Euro nicht mehr bedienen können. So viel zur marktwirtschaftlichen Philanthropie und Frauenbefreiung. Das Platzen dieser speziellen, gar nicht mehr so kleinen Finanzblase wird aber nicht nur auf die Konjunktur vieler Schwellenländer zurückschlagen, sondern ist auch ein Menetekel für die keineswegs bewältigte Kreditkrise insgesamt.

In der wöchentlichen ND-Wirtschaftskolumne erläutern der Philosoph Robert Kurz, der Ökonom Harry Nick, die Wirtschaftsexpertin Christa Luft und der Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel Hintergründe aktueller Vorgänge.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung