nd-aktuell.de / 21.12.2011 / Kultur / Seite 13

Affentheater überall

PEN-Präsident verärgert

Irmtraud Gutschke

Auf dem Literaturmarkt in Deutschland gehe es zu wie in einer Casting-Show, sagte PEN-Präsident Johano Strasser der dpa-Journalistin Britta Schultejans. »Wir haben eine Tendenz zu ›Deutschland sucht den Superstar‹ auch in der Literatur und das ist fürchterlich.« Recht hat er. Aber war ihm klar, was für eine umstürzlerische Äußerung das ist?

Johano Strasser kritisiert den Kulturjournalismus, »Banausentum« à la Charlotte Roche hochzujubeln, statt ernsthafte Orientierungen zu geben. »Ich hoffe, dass eine neue Ernsthaftigkeit in der Literatur einkehrt und dass im Feuilleton wieder stärker Unterstützer auftreten, die die Sprache lieben und sich ernsthaft um Qualität bemühen und nicht modischen Trends hinterhergehen.«

Das gute Feuilleton - es lebt doch von der Liebe zur Sprache! Lebt von hoher Geistigkeit, aber auch vom Spiel. Eigentlich hat Johano Strasser die Aufregungsproduktion der Mediengesellschaft gemeint und die Marketingstrategien der Verlage. Eigentlich hat er gemeint, dass in dieser Gesellschaft alles zur Ware wird, die umgesetzt werden muss, das ist die Hauptsache. Was auf dem Buchmarkt von vornherein massenhaft und schnell verkäuflich ist, geht ja sogar oft an den Literaturredakteuren vorbei, die sich um das kümmern, was ihnen Anregung bietet - zu interessanten Artikeln, die ihre Aufgabe sind. Und wollen Leser etwa nur Ernsthaftigkeit? Wäre es mehrheitlich so, sähen die Medien anders aus.

So hängt alles mit allem zusammen. Johano Strasser dürfte es wissen. In Österreich zum Beispiel erhalten Verlage mit kulturellem Anspruch eine staatliche Förderung. Das nimmt erst einmal einigen Druck von ihnen weg. Auch Tages- und Wochenzeitungen werden finanziell unterstützt. Welche und wie, darüber gibt es natürlich Streit, wie immer, wenn Geld zu verteilen ist. Vielleicht wäre der deutsche PEN-Club unter dem Motto Freiheit auch gegen ein solches Modell. Aber Freiheit im bürgerlichen Sinne ist eben Konkurrenz.

»Die inszenierte Konkurrenz um öffentliche Aufmerksamkeit ist ein reines Affentheater«, sagt Johano Strasser. Das »Affentheater« gehört indes zum System. Du kannst nicht das eine abschaffen und das andere behalten.