nd-aktuell.de / 03.01.2012 / Kultur / Seite 16

Utopie aus der Vergangenheit

Najem Wali: »Engel des Südens«

Fokke Joel

Eigentlich ist die Geschichte, die hier erzählt wird, eine Liebesgeschichte. Die Geschichte des Goldschmieds Nûr oder al-Malak, »wie ihn die Frauen nannten«, und der von Naim Abbas, des »jüngsten Dichters, den die Stadt je gekannt hatte«. Beide hatten sich in Malaika, die Tochter des jüdischen Arztes Dr. Dawud Gabbay, verliebt. Ein Bild von ihr im Alter von sechs- oder sieben Jahren zierte in den vierziger und fünfziger Jahren die Dosen eines beliebten Dattelsirups, der in Amaria, einer Stadt in Irak, hergestellt wurde. »Und seit damals, seit ihr Abbild mit dem Zusatz »Malaika, Engel des Südens« auf der Dose verewigt worden war, wurde »Dattelsirup der Braut« nicht einfach der Lieblingssirup der Bewohner von Amaria. Malaika selbst, der »Engel des Südens«, war die konkurrenzlose Braut des ganzen Landes.« Sodass die Geschichte von Malaika, Naim und al-Malak nicht nur eine Liebesgeschichte ist, sondern auch eine Geschichte von Amaria, ja eine Geschichte des Iraks seit den Progromen gegen die Juden 1941 bis in die Zeit nach der Besetzung durch die Amerikaner und Engländer 2003.

Wer jedoch Amaria auf der Landkarte zu finden erhofft, wird enttäuscht. Najem Wali, der vor dem Iran-Irak-Krieg 1980 nach Deutschland floh und seither hier lebt, hat sie für seinen Roman »Engel des Südens« erfunden. »Amaria, Amaria, lass hören, wie die Engel singen« steht eine Kinderliedzeile dem Buch als Motto voran. Die Namen in den verschlungenen Geschichten dieses Romans haben mehrere Bedeutungen und gehen wie mehrfach belichtete Bilder ineinander über. Am Anfang gibt der Erzähler der Geschichte, Harun Wali, eine Erklärung ab, indem er darauf hinweist, dass das zweite und dritte der fünf Bücher von »Engel des Südens« in Wirklichkeit von Naim Abbas verfasst worden sind. Der Autor und sein Erzähler tragen nicht nur denselben Nachnamen, sondern Haruns Vater lies ihn auch unter diesem Namen regis-trieren, weil Harun im Koran der Prophet war, »dem es nicht langweilig wurde, Geschichten zu erzählen«. Al-Malak wiederum, der Goldschmied, hatte Malaikas Konterfei in 193 seiner Goldschmiedearbeiten geprägt, »jede der Anlass zu einem zu erzählenden Entwurf«, genau so wie die 193 »Entwürfe», aus denen die fünf Bücher des Romans bestehen.

Najem Wali liebt das Spiel mit Namen und Geschichten. Aber dabei geht es ihm immer um die Wirklichkeit oder, besser gesagt, um die Wahrheit. »Ohne ein bisschen Erfindungsgabe gelangt der Mensch niemals zur Wahrheit«, sagt Harun, der am Anfang des Buches aus dem Exil nach Amaria zurückkehrt. Er erinnert sich an die Freunde, an al-Malak, Naim und natürlich an Malaika. Das Amaria seiner Kindheit hat sich jedoch völlig verändert. Eine Stadt, die nicht nur durch die Kriege zerstört wurde, sondern ebenso durch die unterschiedlichen Regime, die den Irak nach Ende der britischen Herrschaft regiert haben. Die die Juden dieser einst multikulturellen Stadt nach der Gründung Israels 1947 als dessen angebliche Agenten vertrieben und ermordeten. Die aber auch eine andere Minderheit, die Sabäer, der al-Malak angehört, verfolgten.

»Engel des Südens« ist deshalb ein melancholisches Buch über eine Zeit, in der die Stadt der Kindheit Haruns aufgrund der gegenseitigen religiösen Toleranz eine blühende Stadt war. Ein Buch über eine erste Liebe, eine sich aus der Vergangenheit speisenden Utopie, die dem Leser anhand von Geschichten einer Stadt die Geschichte eines Landes erzählt.

Najem Wali: Engel des Südens. Die Bücher über Amaria. Aus dem Arabischen von Imke Ahlf-Wien. Carl Hanser. 544 S., geb., 24,90 €.