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Industrienormen für die Umwelt?

Workshop zu Sinn, Erfolgen und Grenzen der »Normenarbeit«

Umweltverbände engagieren sich bei der Ausformulierung von Industrienormen, um nicht allein der Wirtschaft das Feld zu überlassen, die auf niedrige Standards drängt. Aber was nutzt die Normierung? Auf einem Workshop sollte diese Frage geklärt werden.

Bei der Normung handelt es sich um ein Thema, das dem Normalbürger eher fremd ist. Gewiss, jeder kennt das standardisierte Briefpapier, das gemäß DIN-Norm DIN 476 exakt 29,7 Zentimeter hoch und 21 Zentimeter breit ist. DIN A4 halt. Aber wofür steht das Kürzel DIN? Die Antwort lautet: Deutsches Institut für Normung. Das ist die wichtigste Normungsorganisation in Deutschland. Aber bei weitem nicht die einzige: Hunderte Normungsgremien gibt es, mit diversen Ausschüssen und Unterausschüssen und Pendants auf EU- und internationaler Ebene (wie ISO, die Internationale Organisation für Normung).

Vereinfacht gesagt, definieren sie Standards für Industriegüter sowie für Produktions- oder Messverfahren. Die sind meist freiwillig, werden aber immer öfter vom Staat adaptiert und in Gesetzes- oder Verordnungsform gegossen.

Aber welche Rolle können Industrienormen beim Umwelt- und insbesondere beim Klimaschutz spielen? Das war eine der zentralen Fragen eines Workshops, den der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) am vergangenen Donnerstag in Bonn veranstaltete.

Normung könne keine politischen Fragen beantworten, aber Instrumente zur Verfügung stellen, referierte Reiner Hager von der Koordinierungsstelle Umweltschutz des DIN. Heißt: Berechnungsverfahren für die Energieeinsparung, aber keine Einsparziele definieren. Normung könne als Klammer wirken zwischen Industrie (zuständig für bessere Produkte), Wissenschaft (bessere Technik) und Gesellschaft sowie Politik, die neue Wege und Systeme initiieren sollten - das ist die Vision, die Karl-Heinz Topp, Referent der Deutschen Kommission Elektronik Elektrotechnik Informationstechnik.

Das Modell wurde jedoch in der Debatte als zu schematisch verworfen: Beispielsweise nehme die Wirtschaft immer größeren Einfluss auf die Wissenschaft. BBU-Aktivist Nikolaus Geiler verwies zudem auf den Rebound-Effekt: Erzielt man bei einzelnen Produkten Effizienzfortschritte, würden sie durch »das Wachstum«, die steigende Produktmenge aufgefressen. »Da stößt Normung an Systemgrenzen«, sagt Geiler, der in vier Normungsgremien arbeitet.

Für die Umweltverbände sei die »Normungsarbeit« enorm wichtig, betonte Oliver Kalusch, einer der beiden geschäftsführenden BBU-Vorstände, gegenüber »nd«. Hier würden Gesetze, Verordnungen und Verwaltungsvorschriften vorstrukturiert. »Wir NGO-Vertreter müssen an diesem Punkt bereits eingreifen, sonst sind etwaige Fehler kaum noch zu korrigieren.« Immer öfter würde die Arbeit an die meist privatrechtlichen Gremien delegiert. In einigen dominiere jedoch die Industrie. Auch beim Normenmachen wollten Wirtschaftsvertreter »schärfere Anforderungen verhindern«, so Kalusch. Sie drängten auf Formulierungen, »die möglichst nicht so stark verpflichtend sind«.

Als großen Erfolg wertet der BBU eine kurz vor der Verabschiedung stehende ISO-Norm 14067 zum sogenannten »Carbon Footprint« von Produkten. Sie soll die Klimaauswirkungen einzelner Produkte minimieren sowie den Kunden klar darlegen, wie klimaschädlich Produkte sind und ihnen so einen klimafreundlicheren Konsum ermöglichen.

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