nd-aktuell.de / 26.05.2012 / Kultur / Seite 25

Weltmacht blamiert

Rust: Flug, Folgen

Uwe Stolzmann

»Kreml-Flieger« - das Wort allein weckt Bilder und Gefühle. Auch ein Name ist sofort da: Mathias Rust. Ein Westdeutscher aus der Gegend um Hamburg, spätpubertär, schlaksig, mit großer Brille. Am 28. Mai 1987 durchstieß er mit einem Sportflugzeug den Eisernen Vorhang, er flog Hunderte Kilometer durch die Sowjetunion und landete - so hieß es damals - just auf dem Roten Platz. Eine Sensation; Schadenfreude herrschte: Mitten im Kalten Krieg hatte ein Junge eine Weltmacht blamiert. Jetzt, 25 Jahre später, hat der ostdeutsche Publizist Ed Stuhler (Jg. 1945) den Flug, seine Vorgeschichte und die Folgen rekonstruiert.

Ein Rückblick, Jahresanfang 1987: Die Bemühungen um Abrüstung scheinen festgefahren; ein Treffen in Reykjavík zwischen Ronald Reagan und Michail Gorbatschow endete eben, im Herbst 86, ohne Ergebnis. Rust ist 18, Lehrling bei einer Bank - und ein »Flugverrückter«. Die harte Haltung des Westens gegenüber der Sowjetunion empört ihn. Er möchte Friedenswillen demonstrieren, will den Reformer Gorbatschow sprechen und ihm sein privates Projekt einer idealen Gesellschaft vorstellen - ein Pamphlet von 40 Seiten über ein Traumland »Lagonia«.

Gut vorbereitet fliegt Rust los. Von der russischen Luftabwehr wird der Grenzverletzer beobachtet, aber nicht behindert. Der Rote Platz ist voller Menschen, deshalb landet die Cessna auf einer Brücke neben dem Platz.

Rust wird vor Gericht gestellt und zu vier Jahren Lagerhaft verurteilt. 432 Tage lebt er in einem Moskauer Gefängnis, die Aufseher bringen Tee, Plätzchen und Piroggen, dann kehrt der junge Mann heim. Die Medien reißen sich um den Abenteurer; der »Stern« zahlt 100 000 DM für Exklusivrechte. Aber Rust ist überfordert, spielt nicht mit. Und so wird aus einem Helden bald ein Jüngelchen, gar ein Verräter (weil er beim Feind war), es gibt Morddrohungen. Rust reagiert mit Angst und Aggressionen, 1989 sticht er in einem Krankenhaus eine junge Frau nieder, eine Schwesternschülerin, wieder muss er ins Gefängnis. Heute arbeitet Rust als Finanzgutachter in der Schweiz. Gorbatschow nutzte den Fall, um die sowjetische Militärführung auszuwechseln, 300 Generäle und Offiziere mussten gehen; er brach die Macht der Hardliner.

»Der Kreml-Flieger« von Stuhler ist ein spannender Bericht, aber mit Mängeln. Einige Interviews stammen aus zweiter Hand (von einem Filmteam), sie sind wenig ergiebig. Stuhler pflegt einen biederen, manchmal geschwätzigen Stil. Es gibt Abschweifungen, schräge Metaphern, Kitsch und Klischees. Trotzdem lesenswert.

Ed Stuhler: Der Kreml-Flieger. Mathias Rust und die Folgen eines Abenteuers. Ch. Links Verlag. 190 S., br., 16,90 €.