nd-aktuell.de / 15.09.2012 / Sport / Seite 12

Mit halber Kraft voraus

Hannover 96 und Teilzeit-Manager Jörg Schmadtke empfangen Werder Bremen

Alexander Ludewig
Jörg Schmadtke sitzt heute wieder auf der Tribüne. Ungewöhnlich ist das nicht, der 48-Jährige ist Sport᠆chef beim Fußball-Bundesligisten Hannover 96. Somit fällt der Besuch das Heimspiels gegen Werder Bremen in seinen Aufgabenbereich. Ungewöhnlich ist vielmehr, dass Schmadtke erst seit Montag wieder an seinem Schreibtisch sitzt – nach einer Auszeit von elf Wochen. Ebenso die Tatsache, dass er bis zum Jahresende nur Halbtagesschichten schiebt.

Dass ein Manager in dieser aufgeregten Branche die Zeit bekommt, private Dinge zu klären, ist bisher einmalig. Auch deshalb glaubte Schmadtke im Frühjahr selbst nicht daran, dass so etwas denkbar ist und bat um Vertragsauflösung. »Ich habe nicht die Möglichkeit gesehen, dass ich bleiben und mich gleichzeitig intensiv um meine private Situation kümmern könnte«, verriet er »nd«. Die Idee hatte Hannovers Präsident Martin Kind und überzeugte ihn in mehreren Gesprächen.

Bremen fühlte sich bemüßigt zu betonen, »dass wir die Nummer eins im Norden sind«, so Manager Klaus Allofs – vor einem Duell mit Hannover. Das wäre vor noch nicht allzu langer Zeit gar nicht nötig gewesen. Hannover 96 hatte sich seit dem Bundesligaaufstieg vor zehn Jahren im Mittelfeld eingerichtet. Dann kam im Sommer 2009 Jörg Schmadtke. Platz sieben in der Vorsaison, Vierter 2011 und damit die zweimalige Qualifikation für die Europa League sind auch die Früchte seiner Arbeit.

Es ist somit verständlich, dass Kind seinen Sportchef unbedingt halten wollte. Schon im März 2011 wurde Schmadtkes Vertrag in einen unbefristeten umgewandelt und er rückte als Geschäftsführer Sport in die Klubspitze auf. Wer soviel aufgeben wollte, ist sicher nicht machtbesessen. »Vermisst habe ich nichts«, sagte Schmadtke über die Auszeit. Lust hat er aber allemal auf seinen Job. So sei er »Martin Kind dankbar, dass er mir diesen Freiraum gegeben hat«.

Dieser Freiraum habe seiner persönlichen Situation sehr geholfen. Kollegen will Schmadtke dieses Modell jedoch nicht empfehlen: »Ich bin nicht in der Position, anderen Ratschläge zu geben und kann auch nicht beurteilen, ob das immer die richtige Lösung ist.«

Der Saisonstart von Hannover ohne Schmadtke kann sich sehen lassen: Sechs Siege in sieben Spielen bedeuten Platz drei in der Liga, Runde zwei im DFB-Pokal und das Erreichen der Gruppenphase der Europa League. Und jetzt ist er ja zumindest wieder als Teilzeit-Manager da. Mit halber Kraft voraus heißt es also bis zum Jahresende. Aber irgendwie ist Schmadtke doch schon wieder mittendrin – im Stress. Auf die Uhr schaut er während der Arbeit nicht, sitzt fortan bei jedem Bundesligaspiel wieder auf der Tribüne und fährt mit Hannover durch Europa.