nd-aktuell.de / 25.09.1991 / Politik / Seite 9

Produzenten und Händlern fehlt noch der richtige Draht

MANFRED JÄGER

In einer Woche beginnt in Leipzig die Messe „Produkt 91, Konsumgüter - Made in Ost“. Nur Hersteller, die in den neuen Bundesländern Konsumerzeugnisse von A wie Autozubehör bis Z wie Zoologische Artikel produzieren, sind für die Ausstellung zugelassen. Nach jüngsten Meldungen haben etwa 350 Aussteller Stände in den Messehäusern Handels- und Petershof gebucht. Damit werden die Erwartungen der Veranstalter zwar nicht erfüllt, die Konsumgüterbörse sollte dennoch ein sichtbares Signal für ostgemachte Erzeugnisse setzen können.

Die Leipziger Industrie- und Handelskammer (IHK) hat diese Offerte in sehr kurzer Zeit vorbereitet. Rita Sparschuh, Geschäftsführerin für Handel und Dienstleistungen der IHK, verwies in einem ND-Gespräch auf den Wandel im Kaufverhalten der ostdeutschen Bürger. „Wir können feststellen,

daß die Leute wieder Interesse für hiesige Produkte zeigen. Nach einem absoluten Tief erscheinen in den Warenauslagen und -trägem Brot, Butter, Senf und andere Dinge, die in Sachsen oder Thüringen, in Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg hergestellt worden sind. Diesen Trend wollen wir mit Produkt 91 fortsetzen und verstärken“, sagte sie.

Die Industrie- und Handelskammer stützt sich bei ihrem Engagement vor allem auch auf Umfrageergebnisse des Leipziger Instituts für Marktforschung. Es hatte festgestellt, daß seit Anfang dieses Jahres immer mehr einstige DDR-Bürger nicht mehr bereit sind, ohne Kritik Westwaren zu kaufen. Die Enttäuschung über so manchen Schund aus dem Westen sowie die Angst vor Arbeitslosigkeit im Osten haben die einheimischen Erzeugnisse aufgewertet. Die Marktforscher haben herausgefunden,

daß 68 Prozent der Bürger über das Verschwinden von Osterzeugnissen verärgert sind, 65 Prozent geben einheimischen Waren bewußt den Vorzug.

Wenn sich daraus ein Automatismus ableiten ließe, müßten Hunderte Betriebe sowie Tausende Beschäftigte der Nahrungs- und Genußmittelindustrie, der Textilbranche oder der Möbelindustrie weniger um morgen und übermorgen bangen. Aber die Händler halten mit dem eingetretenen Meinungswandel der Ostdeutschen nicht unbedingt Schritt. Das sei auch für Rita Sparschuh der springende Punkt in den Überlegungen der Industrie- und Handelskammer gewesen. „Mit Produkt 91 wollen wir Händler und'Produzenten wieder zusammenbringen. Die Handelsleute müssen wissen, wo und zu welchen Konditionen welche ostdeutschen Konsumgüter hergestellt werden. Schon die Kontakt-

aufnahme, so meinen wir, kann vieles bewegen.“ Die Industrieund Handelskammer will mit der Messe helfen, den richtigen Draht zwischen Händlern und Produzenten wieder herzustellen.

Die Leipziger Konsumgütermesse vom 2. bis 5. Oktober wird sich wesentlich von bisherigen Veranstaltungen dieser Art, etwa in Berlin oder Dresden, unterscheiden. Sie ist keine reine Verbrauchermesse und hat mit Markttagen nur im weitesten Sinne des Wortes etwas zu tun. An den ersten beiden Tagen sind Konsumgüterproduzenten und Fachhändler unter sich. Dann erst hat das „breite Publikum“ Gelegenheit, sich über Modetrends, Qualität, Ausstattung und Preise ostdeutscher Produkte zu informieren.

Kostenlose Fachtagungen sowie Seminare für Aussteller unter anderem zu Problemen des Marketings, der Marktforschung, dem

Vertrieb und der Werbung ergänzen das Programm der Messe, die übrigens auch deshalb durchgeführt werden kann, weil die Leipziger Messe GmbH die Ausstellungsflächen großzügig zur Verfügung stellte. Schließlich gibt es auf der „Produkt 91 - Made in Ost“ Branchengespräche zwischen Produzenten und Händlern aus der Lebensmittel-, der Textil- und der Möbelindustrie.

Welchen Erfolg erwarten die Veranstalter? Dazu Rita Sparschuh: „Wir wissen, daß nicht automatisch aus Messekontakten Lieferverträge und damit neue Produktionsaufträge resultieren. Auch werden beispielsweise westdeutsche Händler nicht gleich Erzeugnisse Made in Ost listen. Wichtig für uns ist, daß Ostgemachtes oder Waren mit dem Symbol Produziert in Sachsen beliebter werden und sich ihre Chancen für die Zukunft erhöhen.“