nd-aktuell.de / 17.02.1994 / Sport / Seite 16

Anfall von skippertak

Schon nach den ersten Tagen haben die Organisatoren vom IOC viel Lob bekommen, so daß die Spiele bereits jetzt als gelungen angesehen werden können. Und das erstaunt - zumindest was einen Bereich angeht - selbst die Norweger. Um das zu verstehen, muß man folgenden Hintergrund wissen: Als die Wikinger vor über tausend Jahren Paris belagerten, schickte der städtische „Befehlshaber“ einen Parlamentär und bat um ein Treffen mit dem „Chef“ Die Antwort war: „Hier sind wir alle Chefs.“

Norwegen-Kenner wissen um diese Eigenart im Land der Fjorde, denn auch tausend Jahre später ist hier jeder sein eigener Chef. Und somit wird der Service zu einem schwierigen Thema.

Wenn man an eine Hotel-Rezeption herantritt und eine Empfangsdame antrifft, die sich partout nicht in ihrer Zeitungslektüre stören läßt, dann ist klar: Jetzt ist man in Norwegen. Auch Verkäuferinnen überschlagen , sich nicht gerade. Nichts wurde in Norwegen vor Jahren deshalb mit grö-ßerer Freude eingeführt als die Selbstbedienung. Norwegen - ein einziger großer

Selbstbedienungsladen. Mit vier Millionen Chefs.

Die Norweger wissen natürlich, daß ihre Verachtung für den Service sehr leicht als mangelnde Gastfreundschaft ausgelegt werden kann. Deshalb verfügen sie über zwei andere Eigenschaften, die die vermeintlich schlechte Kinderstube ganz schnell vergessen macht. So kennen sie das Wort „dugnad“, was so viel wie Nachbarschaftshilfe bedeutet. „Dugnad“ ist kein Service, weshalb man das auch gern tut. Alle norwegischen Chefs leisten gern Nachbarschaftshilfe.

Wenn sich dieser verachtete Service aber nicht völlig umgehen läßt, beispielsweise weil gerade Olympische Spiele stattfinden, dann sind die Norge-Chefs in der Lage, noch ein anderes Ideal zu entwickeln, das sie „skippertak“ nennen. Das läßt sich das am besten mit „Arbeitswut“ interpretieren.

Dugnad und skippertak beweisen die norwegischen Chefs bei ihren Olympischen Winterspielen in gro-ßem Stil. Da einem das alles sehr bekannt vorkommt, hat man auch volles Verständnis und mag die lieben Verwandten im Norden.