Am 15. April 1954 meldeten westdeutsche Zeitungen das Verschwinden des damals 61-Jährigen Alexander Truschnowitsch. Nach den Informationen soll der in Westberlin lebende Führer der antisowjetischen Organisation NTS nach Ostberlin entführt worden sein. Augenzeugen wollen gesehen haben, dass ein blutender, bewusstloser Mann aus einem Haus in Wilmersdorf, Heilbronner Str. 11, damals britischer Sektor, geschleppt, in ein Fahrzeug mit laufendem Motor gebracht wurde, das dann in Richtung Osten verschwand. Seit diesem Tage galt Truschnowitsch als verschollen.
ADN ließ am 16. April verlauten, Truschnowitsch habe sich freiwillig in den demokratischen Sektor abgesetzt und einen Gehlen-Agenten mitgebracht. Eine Woche später, am 21. April 1954, veröffentlichte die in der DDR erscheinene Zeitung unter Leitung der sowjetischen Besatzungsmacht, »Tägliche Rundschau«, eine Erklärung des »vor kurzem in die DDR gekommenen leitenden Angehörigen der NTS A.R. Truschnowitsch«. Zwei Tage später legte die »Tägliche Rundschau« nach und brachte eine Stellungnahme des Ministeriums des Innern der DDR »zur Angelegenheit Dr. A. Truschnowitsch«. In beiden Dokumenten wird beschrieben, dass der Antikommunist Truschnowitsch mit seiner Vergangenheit gebrochen habe. Nach seiner ehrlichen Überzeugung habe sich die antisowjetische Exilorganisation zu einem Hort der Spionage gegen die Sowjetmacht entwickelt. »In der NTS haben Verbrecher verschiedener Art Unterschlupf gefunden, die für Geld bereit sind, für jeden zu arbeiten. In der jüngsten Vergangenheit wurden sie vom faschistischen Deutschland ausgehalten, heute leben sie von amerikanischen Geldern. Unter den Leitern der NTS herrschen Machtgier und gegenseitiger Neid, Jagd nach Gewinn und Zänkerei«. Nach seiner Überzeugung, so die angebliche Truschnowitsch-Erklärung, sei der Kampf der Exilorganisation sinnlos geworden, die Versuche, die Geschichte aufzuhalten, zum Scheitern verurteilt.
Zum Abschluss heißt es: »Ich spreche die Zuversicht aus, dass mir die Gelegenheit gegeben wird, eine ausführliche Erklärung über die Gründe meines Bruchs mit der Vergangenheit abzugeben.«
Diese Gelegenheit hatte Alexander Truschnowitsch nicht. Denn wo er sich zu diesem Zeitpunkt befand und ob er noch am Leben war, bleibt fragwürdig. Truschnowitsch und sein Sohn Jaroslaw waren schon vor dem Ende des faschistischen Krieges in das Fadenkreuz des sowjetischen Geheimdienstes geraten, nachdem die Familie 1934 mit falschen Papieren ausgerüstet aus der UdSSR geflüchtet war.
Als die Nazis unter der Führung des SS-Chefs Heinrich Himmler 1944 die so genannte Wlassow-Armee installierten, benannt nach dem sowjetischen General Andrej Wlassow, der 1942 in faschistische Gefangenschaft geriet und dann aus Enttäuschung über Stalins Kriegsführung die Fronten wechselte, zeichnete sich Jaroslaw Truschnowitsch als antibolschewistischer Kriegsaktivist aus. Vater Alexander, der schon am Kornilow-Putsch teilnahm und als weißer Offizier gegen die Bolschewiki kämpfte, stieg zum Berater Wlassows auf. Die Wlassow-Armee war, wie eigenen Propagandamaterialien zu entnehmen war, eine antijüdisch-antibolschewistische Stoßrichtung, eingebunden in die Operationen der Wehrmacht gegen die Sowjetunion und zu Kriegsende in der Tschechoslowakei. Zwischen Wlassow und dem Nazigeheimdienstgeneral Gehlen bestanden enge Beziehungen. Die Gruppe um Gehlen und andere hohe Wehrmachtskreise setzte noch fünf vor zwölf auf einen Sieg über die Sowjetunion mit Hilfe russischer Einheiten.Während General Wlassow nach dem Krieg - von den Amerikanern an Stalin ausgeliefert - 1946 in Moskau auf dem Roten Platz hingerichtet wurde, konnten Jaroslaw Truschnowitsch und sein Vater Alexander in Deutschland weiter gegen die Sowjetmacht wirken. Beide gehörten nach dem Ende der faschistischen Diktatur zur antibolschewistischen Exilelite.
Als Alexander Truschnowitsch 1950 nach Berlin übersiedelte, um von hier aus die antikommunistischen Aktionen zu koordinieren, bestand für den sowjetischen Geheimdienst die Chance, seiner habhaft zu werden. Bei einem Treffen Truschnowitschs mit dem Vorsitzenden des Wilmersdorfer Heimkehrerverbandes Heinz Gläske in dessen Wohnung soll der sowjetische Geheimdienst zugegriffen haben. Während der ebenfalls verschwundene Gläske vom Ministerium des Innern der DDR als Agent der Organisation Gehlen - dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes - und des britischen Geheimdienstes bezeichnet wurde, galt er im Westen als Agent des Ostens.
Was nach Verschwinden Truschnowitschs genau geschah, ist bis heute nicht geklärt. Handschriftliche Unterlagen mit der Unterschrift sowjetischer Geheimdienstoffiziere vom 16. April 1954 könnten darauf hindeuten, dass Alexander Truschnowitsch irgendwo zwischen Wriezen und Bad Freienwalde begraben wurde. Ob der Zettel ohne Stempel authentisch ist, oder den weiteren Weg Truschnowitschs verschleiern sollte, bleibt ungeklärt. Jaroslaw Truschnowitsch, der sich nach dem Krieg weiterhin dem Sturz der Sowjetmacht widmete, arbeitete in einem russischen Emigrantenverlag in Frankfurt (Main) und ist heute 83 Jahre alt.
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