nd-aktuell.de / 04.06.2005 / Kultur

Denkanstrengung

Zur Erinnerung an Claus Träger

Matthias Oehme
Er gehörte zu den herausragenden Literaturwissenschaftlern der DDR. Doch schon heute kennen Lexika, die Überflüssiges noch zu jedem dritten Kreissekretär mitzuteilen wissen, seinen Namen nicht mehr. Das hat seinen Sinn daher, dass es allemal wirkungsvoller ist zu tilgen, statt zu fälschen. Claus Träger war, was sich heute mit Trotz sagen lässt, ein ebenso wichtiger Hochschulprofessor wie Hochschulpolitiker der DDR. Wenn Funktionäre, ungebildetem Vorurteil zufolge, ungebildet sind, dann war er freilich keiner. Trägers Laufbahn ist beispielhaft für die Aufbaugeneration: Er studierte in Leipzig, als dort die denkbar besten Lehrer versammelt waren - neben den Germanisten Korff und Frings Leute wie Ernst Bloch, Hans Mayer, Walter Markov, Werner Krauss. Es war der Romanist Krauss, der zum prägenden Lehrer für den Germanisten Träger wurde. Einen weiten Literaturbegriff, die Auffassung von Literatur als einem spezifischen Reflex geschichtlicher Bewegung brachte er von hier in seine Untersuchungen ein. Herder, Schiller, die Romantik gehören ebenso dazu wie Fragen der Realismus- und Erbetheorie oder der Literaturtheorie. Er war es, der die Romantik früher als viele seiner Kollegen in ihrer Ambivalenz erkannte. Sein europäischer Horizont machte ihm die ideologiekritische Umkehrung der geistesgeschichtlichen Literaturbetrachtung in ein Schema, das der Romantik stets einen reaktionären Platz zuwies, höchst verdächtig. Er gehörte jener Germanistik gar nicht an, gegen die viele Schriftsteller in den 70ern begannen, die romantischen Dichter im Namen wachsenden gesellschaftlichen Krisenbewusstseins zu verteidigen. Nachdem Träger Krauss an die Akademie der Wissenschaften gefolgt war, ging er 1964 zurück nach Leipzig und entfaltete dort Wirkung als Institutsdirektor und Professor für Allgemeine Literaturwissenschaft. Wissenschaft war ihm nicht selbstgenügsames Spezialistentum, war angelegt auf breite gesellschaftliche Wirkung, war, gemäß einem für ihn und die ABF-Generation prägenden Aufsatz von Werner Krauss, »geschichtlicher Auftrag«. Allerdings wird man den einstigen Studenten, Assistenten, Promovenden und Habilitanden, die Träger gebildet und gefördert hat, auf den Lehrstühlen der Gegenwart nur selten begegnen. Denen bleibt die Gewissheit, eine theoretisch fundierte, über die Grenzen der Fachdisziplin hinausgreifende Ausbildung erhalten zu haben. Denn ein Germanistikstudent, der nichts mit Puschkin, Mickiewicz oder Petöfi anzufangen wußte, Joyce, Proust und Faulkner nicht kannte, war Träger ein Gräuel. Begegneten ihm Ignoranz oder gar »parteiliche« Unbildung konnte er unangenehm werden. Träger teilte die Selbsttäuschungen der Ideologen in West und Ost über ihr Gewerbe nicht. Seine Untersuchungen waren auch stets einem Vorgang gewidmet, dem wir bis heute beiwohnen: wie zwischen den gesellschaftlichen Kettfäden das Schiffchen des Zeitgeists hysterisch hin und her schießt und das schimmernde Tuch des falschen Bewusstseins gewebt wird. Träger verstand sich hingegen ganz bewusst als Wissenschaftler einer ideologieproduzierenden Disziplin, und er wollte dieser Disziplin in der Gesellschaft Geltung und Wirkung verschaffen. Als Hochschulpolitiker war er an den (nicht unumstrittenen) Reformen beteiligt, er initiierte Forschungen und Forschungsrichtungen, er gründete ein bis heute renommiertes Fachorgan, die »Zeitschrift für Germanistik«, und er schuf mit anderen DDR-Literaturwissenschaftlern, konzeptionell und auch als Autor federführend, das »Wörterbuch der Literaturwissenschaft«. Träger war schließlich auch Herausgeber und Nachwortautor von Rang. Um zu verstehen, was er allein auf diesem kleinen Teilgebiet literaturwissenschaftlicher Praxis geleistet hat, genügt es, eine seiner populärsten Arbeiten, die Einführung in Schillers Schriften bei Reclam, noch einmal zu lesen. Vor der postbiedermeierlichen Tapete, die im Jubiläumsjahr Schillers Werk aufgeklebt wurde, nimmt sich der fast 50 Jahre alte Aufsatz immer noch als schärfste Analyse Schillerschen Denkens aus - mit dem kleinen Makel, dass der Marxist Träger den historischen Optimismus des Idealisten Schiller zu teilen bereit ist. Es ist diese heute belächelte Denkanstrengung, die Träger hinderte, der Idee einiger seiner Kollegen zu folgen, das Ende der DDR als Ergebnis ausgerechnet einer Revolution anzusehen und auch noch zu meinen, diese habe die richtigen Verlierer gehabt. Claus Träger ist vergangenen Sonnabend nach schwerer Krankheit verstorben. Die ihm bis heute verbunden geblieben sind, werden am 10. Juni auf Leipzigs Südfriedhof das letzte Geleit geben.